4. Fastenpredigt – Bericht

Am 4. Fastensonntag predigte Pater Rafal zu den geistlichen Werken der BARMHERZIGKEIT „Den Beleidigern gerne verzeihen und die Lästigen geduldig ertragen.“

Im Jahr 2008 fand in Rom der “Erste Apostolische Weltkongress” über die BARMHERZIGKEIT statt. Pater Rafal zitierte die Eindrücke von Kardinal Schönborn: „Es waren gesegnete Tage (…) voll mit Zeugnissen aus aller Welt über die Lebenswirklichkeit von Menschen, Gemeinschaften, die die BARMHERZIGKEIT Gottes brauchen, betrachten, leben und weitergeben. Es war beeindruckend wahrzunehmen, wie überall in der Kirche, in allen Teilen der Welt, der Hunger und Durst nach GOTTES BARMHERZIGKEIT spürbar ist und wie überall Menschen die BARMHERZIGKEIT GOTTES entdecken.“

Das vielleicht eindrucksvollste Zeugnis gab die Ruanderin Immaculée Ilibagiza. Sie überlebte als einzige ihrer großen Familie, 90 Tage lang versteckt in ihrer Toilette, den Genozid, die Massaker in Ruanda. Sie erlebte nicht nur, wie ihre ganze Familie umgebracht wurde, sondern begegnete auch dem Mörder ihrer Familie. Sie konnte aus der Kraft der BARMHERZIGKEIT JESU, die sie tief im Herzen trug, diesem Mörder verzeihen. Heute gibt sie vielen Menschen auf der Welt Zeugnis, welche versöhnende und heilende Kraft von der BARMHERZIGKEIT ausgeht.

„Den Beleidigern gerne verzeihen“ lautet eines der sieben geistlichen Werke der BARMHERZIGKEIT. In Beleidigern steckt das Wort „Leid“. Beleidiger kann man übersetzen mit: “die, die mir Leid zufügten“. Pater Rafal stellt die Frage in den Raum, ob man solchen Menschen verzeihen kann und will – womöglich auch noch gerne? Schafft man es wirklich, jemandem zu vergeben, der einen verletzt hat?

Verzeihen meint nicht vergessen. Vor einem echten Verzeihen, muss man genau analysieren, was passiert ist, was nicht ok war, was genau einen verletzt hat. Erst, wenn man sich darüber im Klaren ist, kann man im nächsten Schritt entscheiden, ob man dem Beleidiger verzeihen kann und will. Das braucht Mut und geistige Kraft – BARMHERZIGKEIT in Reinform, weil man sich ein Herz fassen und über seinen Schatten springen muss.

„Wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er sich gegen mich versündigt hat? Siebenmal?“, fragt Petrus JESUS im Neuen Testament. JESUS antwortet ihm:
„Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.“ Siebenundsiebzigmal – also ganz oft. „Das mag erschrecken“, erklärt Pater Rafal weiter, „aber mich beruhigt´s eher.“ Als Grund nennt Pater Rafal, dass „mir darin auch ein Stück „jesuanischer Realismus“ entgegenkommt.“ Das bedeutet: Wenn man tief verletzt wurde, dann wäre ein schnelles „es ist alles wieder gut“ eher geheuchelt und vorgetäuscht.

Pater Rafal fragt nach dem Grund der Werke der BARMHERZIGKEIT. JESUS selbst gibt die Antwort, indem ER sagt: “Seid barmherzig wie euer Vater im Himmel barmherzig ist“ (vgl. Lukas 6,36). Die BARMHERZIGKEIT darf aber nicht nur in Gedanken und Gesinnungen bestehen, sondern muss sich in konkreten Gesten, Handlungen und Taten zeigen. Der Apostel Jakobus sagt dazu: “Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir meinen Glauben aufgrund der Werke” (Jak 2,18).

Bei sehr tiefen oder bei lebenslangen Verletzungen können immer wieder Wunden aufreißen. Dann muss man einen erneuten Anlauf zur Vergebung nehmen und daran arbeiten, dass Versöhnung möglich ist, vielleicht nicht beim 7. Versuch – aber wohl beim 77. (Q: Frau Karin Berhalter)

Die BARMHERZIGKEIT hat viele Namen und Aspekte. Sie muss größer sein als die Gerechtigkeit. Ohne BARMHERZIGKEIT wird die Gerechtigkeit selber zum Unrecht und führt zum Gericht. Allein die BARMHERZIGKEIT besiegt das Gericht. Wir alle hoffen auf diesen Sieg. Er ist unsere einzige Hoffnung.

Spontan dachte ich bei Pater Rafals Ausführungen an das „Vater unser“. Dort beten wir: „und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ JESUS selbst lehrt uns dieses Gebet. JESUS selbst fordert uns durch dieses Gebet zur BARMHERZIGKEIT unserem Nächsten gegenüber auf. Denn so wie uns GOTT immer wieder vergibt, sollen auch wir vergeben – nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.

Andrea Weinmann
Gersheim

 

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