Fastenpredigt in der Vesper am 03. März 2013

Am 3. Fastensonntag war Weihbischof Otto Georgens als Gastredner eingeladen. Leider musste er kurzfristig wegen Erkrankung absagen. Er schickte uns jedoch seine Fastenpredigt, die vom Pater Piotr vorgetragen wurde.

“Glauben in der Welt von heute”.  

Foto aus dem Klosterarchiv 2011
Foto aus dem Klosterarchiv 2011

 Von den Zeichen der Zeit: Lk 12,54-57

 Wie sollen sich Christen gegenüber der modernen Welt verhalten? Zwei Tendenzen stehen sich oft unversöhnlich gegenüber. Die einen lehnen die moderne Welt schroff ab, die anderen suchen in den „Zeichen der Zeit“ Anknüpfungspunkte für den Glauben und das Christsein.

Die der modernen Welt ablehnend gegenüber stehen, erblicken in ihr nur Verfall und einen Widerspruch zu den göttlichen Weisungen. Um dem Zeitgeist nicht Tribut zu zollen, bedient man sich der bekannten Kampfparolen: Individualismus, „Diktatur des Relativismus“, Pluralismus oder wie die Schlagwörter alle lauten mögen. Dabei kann man sich sogar auf einen unverfänglichen Zeugen berufen, auf Bert Brecht, der gesagt hat: „Der dümmste aller Geister ist der Zeitgeist.“ Die anderen gelten in ihren Augen schnell als Modernisten. Ihnen wirft man vor, sie würden wie tote Fische mit dem Strom schwimmen. Wer nicht gegen den Zeitgeist Widerstand leistet, der übt Verrat an der Botschaft Jesu Christi. Die Kirche darf sich nicht anpassen, vielmehr muss sie Flagge zeigen. Um es deutlich zu machen: Anpassung um jeden Preis kann nicht die Lösung sein, aber auch nicht die Abschottung vor der bösen Welt und der Rückzug ins Ghetto.

Es kann Situationen geben, wo Christen gegen den Zeitgeist Stellung nehmen müssen. Wenn die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, dürfen Christen nicht schweigen. Wo Gewalt und Ungerechtigkeit überhand nehmen, wo die Schöpfung rücksichtslos ausgebeutet wird, wo Menschen das Lebensrecht abgesprochen wird, müssen wir wie die alttestamentlichen Propheten die Stimme erheben.

Auf der anderen Seite sollten wir uns davor hüten, die moderne Welt in Bausch und Bogen zu verurteilen. Wir müssen zwischen dem Zeitgeist und den Zeichen der Zeit sorgfältig unterscheiden. In seiner Ansprache zur Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils tadelte Papst Johannes XXIII.

Personen, „die meinen…, in den heutigen Verhältnissen der menschlichen Gesellschaft nur Untergang und Unheil zu erkennen. Sie benehmen sich so, als hätten sie nichts aus der Geschichte gelernt, die eine Lehrmeisterin des Lebens ist. Wir aber sind völlig anderer Meinung als die Unglückspropheten, die überall das Unheil voraussagen, als ob die Welt vor dem Untergang stünde.“ Das Konzil stellte die „Zeichen der Zeit“ als Programmwort in den Mittelpunkt seiner Beratungen und Beschlussfassungen. Danach hat die Kirche „allezeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten“ (GS 4). Auch die heutige Zeit ist Gottes Zeit, auch in der gegenwärtigen Welt ist er am Werk. Wir müssen uns fragen: Wo können wir Fingerzeige Gottes erkennen, die uns sagen wollen, was heute zu tun ist? So viele ermutigende Zeichen gibt es, die wir als „Zeichen der Zeit“ entdecken sollen, aus denen Gott zu uns spricht.

Zu keiner Zeit war die Bereitschaft zur Hilfe in aktuellen Notlagen so groß wie gegenwärtig. Man braucht sich nur einmal die Spendenaufkommen der Misereor- und Adveniataktionen anzusehen, von anderen Spendenaktionen wie Sternsinger einmal abgesehen. Wir können darin erfreuliche Zeichen von selbstloser Hilfsbereitschaft sehen, die sich von Not und Leid in der Welt berühren lässt. Ein weiteres ermutigendes Zeichen ist das weit verbreitete Ehrenamt in der Gesellschaft, besonders aber in den Kirchen. 36 Prozent unserer Mitbürger engagieren sich ehrenamtlich, die Zahl der kirchlich Engagierten dürfte nicht geringer sein. Unsere gesamte Pastoral müsste zusammenbrechen, läge sie wie früher in den Händen der wenigen Hauptamtlichen. Besonders sind hier die Frauen zu nennen, die das Leben der Gemeinden entscheidend prägen, was immer noch zu wenig gewürdigt wird. Ihnen werden immer noch zu geringe Mitwirkungsmöglichkeiten in der Kirche eingeräumt. Zu keiner Zeit war das Gespür für die Bewahrung der Schöpfung so ausgeprägt wie heute. Das hat Papst Benedikt in seiner bewegenden Rede vor dem Deutschen Bundestag eindringlich hervorgehoben.

So gibt es in der modernen Gesellschaft viele Hoffnung weckende Bemühungen. Wir sollten sie begrüßen und unterstützen, sie gehören zu den von der Bibel und dem letzten Konzil herausgestellten „Zeichen der Zeit“. Um die moderne Welt zu beurteilen, braucht es eine differenzierte Sichtweise, die um Licht und Schatten weiß. Ich möchte es auf die Formel bringen: „Nicht dem Zeitgeist angepasst, aber offen für die Zeichen der Zeit“. Doch was heißt das konkret?

Um diese Intention des II. Vatikanischen Konzils zu verstehen, hilft mir Madeleine Delbrêl, in deren Leben sich vieles verdichtet, was es vor dem Konzil an missionarischen Aufbrüchen in Frankreich gegeben hat. Bei ihr kündigt sich schon an, was zum grundlegenden Thema des II. Vatikanischen Konzils wurde: das Verhältnis der Kirche zur Welt.

Hellsichtig schreibt Madeleine Delbrêl in einem Text für eine Vorbereitungskommission des II. Vatikanischen Konzils: „Lautlos naht der Kirche eine Grundgefahr: die Gefahr einer Zeit, einer Welt, in der Gott nicht mehr geleugnet, nicht mehr verfolgt, sondern ausgeschlossen, in der er undenkbar sein wird; einer Welt, in der wir seinen Namen herausschreien möchten, es aber nicht können, weil uns kein Plätzchen bleibt, um unsere Füße hinzustellen“ (NK 233).

Diese Sätze sind nur verstehbar auf dem Hintergrund eigener Erfahrungen, die Madeleine Delbrêl in Ivry, der kommunistischen Arbeiterstadt in der Bannmeile von Paris, in der sie 30 Jahre ihres Lebens verbringt, gemacht hat. Sie erlebt Ivry schmerzlich als eine „Stadt ohne Gott“. Gerade hier, in einer Welt, die ohne Gott ganz gut auskommt, braucht es das Zeugnis von Christen, die den Glauben leben – nicht dem Zeitgeist angepasst, aber offen für die Zeichen der Zeit.

Sie fragt sich oft: Warum bleibt das apostolische Zeugnis der Christen ohne Wirkung? Warum vermag der christliche Glaube so wenig das Leben zu durchdringen? Dazu stellt sie fest: „Wir verkünden nicht mehr die ‚Gute Nachricht’, weil es keine neue Nachricht für uns ist: Wir sind daran gewöhnt, es ist eine alte Nachricht geworden.

Der lebendige Gott ist kein ungeheures, umwerfendes Glück mehr… Wir geben uns keine Rechenschaft darüber, was Gottes Abwesenheit für uns wäre; deshalb können wir uns auch nicht vorstellen, was sie für die anderen ist. Wenn wir von Gott sprechen, diskutieren wir über eine Idee – wir bezeugen keine erhaltene und weiter verschenkte Liebe… Wir verteidigen Gott als unser Eigentum; wir verkünden ihn nicht als das Leben allen Lebens, als den unmittelbaren Nächsten all dessen, was lebt“ (NK 237 f.).

Der Glaube ist für Madeleine „das Gewusst-Wie des Lebens“. „Um unseren Glauben in unserer Zeit und in unserer Welt, hier und heute zu leben; um unsere Berufung des Glaubens verwirklichen zu können, etwas Gutes beitragen zu können in dieser Welt und in dieser Zeit, sind wir gezwungen, unser christliches Leben mit allem in Einklang zu bringen, was heutzutage beschleunigt, momenthaft, unmittelbar ist…“ (CB 169). Klingt in diesen Sätzen nicht das „Aggiornamento“ des Zweiten Vatikanischen Konzils an?

Bereits als Patriarch von Venedig gebrauchte der spätere Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung der Diözesansynode 1957 das Wort „Aggiornamento“: „Hört ihr oft das Wort ‚Aggiornamento’? Seht da unsere heilige Kirche, immer jugendlich und bereit dem verschiedenen Verlauf der Lebensumstände zu folgen mit dem Zweck anzupassen, zu korrigieren, zu verbessern, anzuspornen.“ Als Papst verwendete er genau diesen Begriff für das II. Vatikanum. Die überlieferte Botschaft der Kirche sollte auf den heutigen Stand gebracht werden, natürlich nicht im Sinn einer Veränderung oder Anbiederung an den Zeitgeist. Davon distanzierte er sich klar. Den Menschen von heute sollte die zeitübergreifende Erlösungsbotschaft Christi in der heutigen Sprache präsentiert werden. Dabei ging es Papst Johannes XXIII. nicht nur um eine sprachliche Aufbesserung, sondern um eine neue Inkulturation der Offenbarung in einer Menschheit, die im Umbruch begriffen ist. Doch zurück zu Madeleine Delbrêl, die in gewisser Weise das letzte Konzil vorwegnimmt.

Der mit ihr befreundete Arbeiterpriester P. Jacques Loew schreibt: „In der schwierigen Zeit nach dem Konzil war mir, als ob Madeleine mir immer wieder sagte, was der Glaube sei. Nicht der Glaube der Bücher oder derer, für die es nichts Neues mehr zu geben scheint, ja nicht einmal der Glaube in den Prüfungen des Lebens. ‚Der Glaube ist eine Wirklichkeit. Wir machen daraus eine Abstraktion… Der Glaube ist die Wissenschaft des Wirklichen, das uns übersteigt.’ Madeleine erinnerte mich daran, dass der Glaube, obwohl er der Welt fremd ist, der Welt gegeben wurde. Wenn er keine Wirkung zu haben scheint, so deshalb, weil er gelebt werden muss und weil wir ihn mit einer bloßen ‚christlichen Gesinnung’ oder mit dem gesunden Menschenverstand verwechseln. Der Glaube, der wahre Glaube, hält stand, und dann kann selbst die atheistische Welt zu einem guten Nährboden für unsere eigene Bekehrung werden“ (CB 6).

Annette Schleinzer charakterisiert Madeleine Delbrêl in ihrem Buch „Die Liebe ist unsere einzige Aufgabe“ wie folgt: Madeleine Delbrêl „ist … eine der Gestalten, die den „Geist“ des Zweiten Vatikanischen Konzils verwirklichen – und dies schon Jahre bevor es zum (kir-chen)geschichtlichen Ereignis wurde …“ (S. 294) Indem sie Glauben und Leben zusammen buchstabiert, „nimmt Madeleine eine Basisorientierung des Zweiten Vatikanischen Konzils vorweg, die sich in all seinen Texten widerspiegelt …“ (S. 296)

50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die Zeiten haben sich gewandelt. Rasante Veränderungen halten Kirche und Gesellschaft in Atem. Mit dem einschneidenden Datum des 11. September 2001 hat sich die Welt verändert. Der Blick in die Zukunft ist gerade für junge Menschen mit größerer Unsicherheit verbunden als vor der Jahrtausendwende. Finanz- und Wirtschaftskrise machen uns die globalen Abhängigkeiten und Verflechtungen bewusst. Ein neuer Atheismus erhebt selbstbewusst seine Stimme und respektiert offenbar keine Grenzen mehr. Und in der Kirche? Bischöfe, Priester, Seelsorgerinnen und Seelsorger und viele Gläubige sind von den Krisenphänomenen und Veränderungsprozessen betroffen und erleben den Umbruch atemberaubend und kräftezehrend. Eine Sozialgestalt der Kirche ist wohl an ihr Ende gekommen. Die Kirchenbindung von Menschen hierzulande befindet sich im freien Fall.

Wir wollen nicht Klage führen über die Zeit, in der wir leben, nicht den Mangel bejammern und womöglich ein rückwärts gewandtes Szenarium puren Bewahrens bemühen.

Wir haben mit dem „Bruch zwischen Evangelium und Kultur“ umzugehen, den bereits Papst Paul VI. im Apostolischen Schreiben „Evangelii nuntiandi“ (8.12.1975) als das Drama unserer Epoche identifizierte. Wir wollen wie andere Generationen vor uns die Herausforderungen dieser Umbruchzeit annehmen und sie im Glauben bestehen.

Gerade für uns heute könnte ein Wort von Madeleine Delbrêl wegweisend und ermutigend sein: „Der Glaube ist wirklich wie eine ‚arme Frau’. Jedes Volk, jede Kultur und jedes Zeitalter schenken ihr ein Kleidungsstück. Wenn die Zeiten sich wandeln, ist ihr Gewand abgetragen. Sie muss neue Kleider bekommen, wenn sie sich nicht im Keller verstecken will. Aber ein Kleid ist ein Kleid und nicht sie selbst; wenn das Kleid gewechselt wird, bleibt sie selbst unverändert. So ist es auch mit dem Glauben. … Es liegt in unserer Verantwortung, einen neuen Einklang zwischen den Menschen und dem Glauben zu suchen und zu finden und dabei auch zu riskieren, vor den anderen wie vor uns selbst wie ein Außenseiter oder Sonderling dazustehen. Die Christen brauchen nicht nur einen neuen und verjüngten Glauben: Sie müssen diesen neuen und verjüngten Glauben auch leben“ (AC 110) – nicht dem Zeitgeist angepasst, aber offen für die Zeichen der Zeit. Amen.

 

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