Fastenpredigt in der Vesper am 17. Februar 2013

Paul Quierin und Jürgen P. Rubeck

Fastenpredigt der Diakonen Paul Quirin und Jürgen P. Rubeck in der Wallfahrtskirche Blieskastel.

 Im Rahmen des von Papst Benedikt XVI ausgerufenen Jahres des Glaubens findet in unserem Kloster eine Predigtreihe zu den Auswirkungen des zweiten Vatikanischen Konzils statt. Zu Wort kamen un kommen “Zeitzeugen”, die die Veränderungen in ihrem persönlichen Umfeld erfahren konnten. Als erster Prediger sprach Diakon Paul Quirin aus Reinheim am 17.02. in der Sonntagsvesper:

„Erfüllt vom Heiligen Geist, verließ Jesus die Jordangegend. Darauf führte ihn der Geist vierzig Tage lang in der Wüste umher, und dabei wurde Jesus vom Teufel in Versuchung geführt.”
Schwestern und Brüder, diese Worte aus dem Evangelium des heutigen Sonntags stelle ich gleichsam als Überschrift, als „Wort für den Weg“, über meine Gedanken zur Fastenzeit. Gleichzeitig lade ich Sie ein, sich auf Gedanken zum Konzil und auch zum Jahr des Glaubens, einzulassen.

Liebe Mitchristen,

der 11. Oktober 2012, ist ein besonderer Gedenktag: der 50. Jahrestag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils und die offizielle Eröffnung des Jahres des Glaubens.
Ja, vor fünfzig Jahren hätten weder ich, noch mein Mitbruder Jürgen Rubeck aus Pirmasens diese Predigt halten dürfen, denn das Amt des Ständigen Diakons ist eine Frucht des Konzils, die es in unserem Bistum seit nunmehr vierzig Jahren gibt. Darauf wird mein Mitbruder Jürgen im zweiten Teil der Predigt unter anderem auch eingehen.
Im ersten Teil, den ich übernommen habe, möchte ich mit Ihnen überlegen, um was es dem Konzil gegangen ist, welche Impulse in den verschiedenen Texten gegeben werden und wie unser Glauben, unsere Glaubenspraxis gestärkt werden kann.
Ich lade Sie ein, die Fastenzeit als eine Zeit der Einkehr zu sehen, eine Zeit, in sich zu gehen und die Stimme Gottes zu vernehmen, um den Versuchungen des Teufels- ich erinnere an das heutige Evangelium- zu widerstehen, ihn zu besiegen. Diese Zeit, die es zusammen mit Jesus zu leben gilt, sollten wir frei von Stolz und Anmaßung, dem Gebet, dem Hören des Wortes Gottes und dem Empfang des Sakramentes der Versöhnung widmen. So kann es uns gelingen, Ostern wahrhaftig zu feiern oder anders ausgedrückt, diese Zeit zu sehen und zu nutzen als eine Aufbruchzeit zum Leben.
„ Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen Widerhall finde.”
Liebe Mitchristen, was Seelsorge bedeutet, was Aufgabe der Kirche ist, bringen diese Worte der Pastoralkonstitution auf den Punkt, glasklar und schnörkellos. Da fühle und spüre ich den Aufbruch, den das Konzil mit sich gebracht hat, die Hinwendung zum Menschen und zur Welt- eben das „aggiornamento“, wie es der selige Papst Johannes XXIII mit dem Konzil beabsichtigt hatte.
Ich erinnere mich gern zurück: 1962 war ich 19 Jahre, seit einem Jahr in der Berufsausbildung, Mitglied im Pfarrgemeinderat und Lektor. Damals habe ich in Saarbrücken gewohnt und gehörte zu der großen Pfarrei St. Josef in Malstatt. Außer dem Pastor kümmerten sich noch zwei Kapläne um die, Seelsorge, besonders um die Jugendlichen. Die Pastöre von St. Josef waren den Neuerungen in der Liturgie gegenüber sehr aufgeschlossen, auch als sie noch nicht offiziell eingeführt worden waren. So wurde nach der Umgestaltung des Chorraums die Messe mit Blick zum Volk zelebriert; das Evangelium und die Lesung erklangen in der deutschen Sprache.
Lassen Sie mich jedoch noch etwas zu meinem familiären Umfeld sagen: Ich habe noch vier jüngere Geschwister, alle haben das Gymnasium besucht – eine große Anstrengung für eine Arbeiterfamilie – und Sie können sich vorstellen, wie es manchmal in einer so großen Familie zuging, zumal es keine Denk- und Sprechverbote gab, so dass auch die heikelsten Glaubensfragen teilweise leidenschaftlich diskutiert wurden. Das geschah oft, wenn einer der Kapläne zu Besuch war. Diese leidenschaftlichen Gespräche hatten Tradition zumindest in der Familie meiner Mutter. Ihr Vater war Lehrer, Rektor und zum Schluss Schulrat und seit Jahren gehörte er dem Kirchenvorstand an. Ich kann mich noch gut erinnern, dass meist am ersten Feiertag abends der Pastor zu Besuch kam und man über die Predigt vom Fest, aber auch über Entwicklungen in der Theologie diskutierte. Für mich waren das damals alles böhmische Dörfer, ich verstand nichts davon.
Ja, das hatte Tradition in der Familie, gab es doch da noch den Bruder meines Opas, der Pfarrer in Nickenich, am Laacher See, war. Er kam 1942 nach Dachau und starb den Märtyrertod, weil er Göring nicht grüßte.
Die Familie war und ist fest in der Kirche verwurzelt: Und ich kann von mir sagen, es war ein Segen mit so vielen Geistlichen befreundet gewesen zu sein. So konnte ich eine Art Durststrecke in den Jugendjahren vor dem Konzil durchstehen und überwinden.
Damals erlebte ich, wie es sich anfühlt, wenn Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute von und in der Kirche wahrgenommen werden: Ich denke an einen riesig-langen Demonstrationszug unter Beteiligung aller Saarbrückener Pfarrer zusammen mit den Hüttenarbeitern, die um die Schließung ihrer Werke oder den Wegfall ihrer Arbeitsplätze bangten und an einen ZDF-Fernsehgottesdienst zu dieser Thematik, der in unserer Pfarrkirche gehalten und aufgenommen wurde, mir fallen die jährlichen Stadtranderholungen für Kinder ein, die sonst nicht in die Ferien fahren konnten und ich erinnere mich an eine Aufgabenhilfe für kleines Geld, die der PGR zusammen mit den Lehrern organisiert hatte und an der über hundert Kinder teilgenommen hatten. Und das alles ohne Computer!
Mit dazu gehört die Erinnerung den Kontakt der Weltkirche zu der italienischen Mission und ihrem Seelsorger, der einige Zeit in unserem Pfarrhaus wohnte. Auf dessen Vermittlung kam auch im Rahmen einer Heiligrock-Wallfahrt nach Trier der Besuch von Kurien-Kardinal Ottaviani zustande, bei dem ich als Messdiener mitwirken durfte.
Nun, noch einmal zurück zum Konzil: Wenn ich ehrlich bin, hat mich das Konzilsjubiläum erst nicht so sehr berührt. Das änderte sich, als mich mein Sohn- er ist Berufssoldat und hat ein Amt in der Gemeinschaft katholischer Soldaten – einlud, ihn im Juni des
vergangenen Jahres zu einem Akademieabend der Katholischen Akademie nach Bensberg zu begleiten. Dort sprach Prof. Dr. Zaborowski von der philosophisch-theologischen Hochschule Vallendar zu dem Thema: “Im Mittelpunkt der Mensch. Das II. Vatikanische Konzil und die Welt von heute”. Dieser Vortrag mit der anschließenden Diskussion weckte wieder meine Erinnerung und mein starkes Interesse an den damaligen Aufbruchszeiten und so nahm ich dann im Oktober – kurz nach dem Jahrestag – zusammen mit meinem Freund und Mitbruder aus Volmunster an einer Veranstaltung der Union – Stiftung in Saarbrücken mit Bischof Gebhard Fürst von Rottenburg – Stuttgart teil. Auch sichtete ich das Literaturangebot und kaufte mir einige neuerschienene Bücher.
Aus einem dieser Bücher von Hermann – Josef Frisch mit dem Titel: „Aufbruch oder Betriebsunfall? Das II. Vatikanische Konzil und seine Folgen” zitiere ich:” Das II. Vatikanische Konzil war ein „Konzil über die Kirche.” Es ging um das Selbstverständnis der Kirche (Kirchenkonstitution), um das innere Leben der Kirche (Liturgie, Leitung / Bischöfe ¬Priester – Laien) und um die Sendung der Kirche (Pastoralkonsttution – Kirche in der Welt von heute, Nichtchristen, Mission u. Religionsfreiheit, Ökumenismus u. Ostkirche).
Blickt die Dogmatische Konstitution über die Kirche mehr nach innen, auf ihre theologische Begründung (Leib Christi, Volk Gottes) und auf die innere Struktur der Kirche (Hierarchie und Laien), so ist die Pastoralkonstitution die notwendige Ergänzung dazu. Sie stellt den Blick von außen dar, auf die Welt und auf die Probleme der heutigen Völker und Gesellschaften. Damit gehört diese Pastoralkonstitution zur Kirchenkonstitution wie der zweite Brennpunkt einer Ellipse: Kirche ist nie für sich selbst da, sondern immer zum Dienst an der Welt, an den Menschen bestellt. Es geht der Pastoralkonstitution um die Welttauglichkeit der christlichen Glaubensdarstellung.” – Ende des Zitats.
Was habe ich noch als Frucht oder Früchte des Konzils erlebt? Da erinnere ich mich voll Freude an die Wiederentdeckung und Weiterentwicklung des Ständigen Diakonats. Vor fast 26 Jahren wurde ich von Bischof Schlembach geweiht und zu diesem Dienst beauftragt. Ich erinnere mich mit frohem Herzen an die anonyme Telefonseelsorge, bei der ich über 30 Jahre Mitarbeiter war, an die segensreiche Tätigkeit der ökumenischen Sozialstationen; beide wurden und werden in ökumenischer Trägerschaft geführt. In vielen Bibelgesprächskreisen haben wir uns mit der Heiligen Schrift befasst, um mit dem Wort Gottes vertrauter zu werden, denn der Glauben wurzelt im Hören auf Gottes Wort.
Gerne greife ich die Leitworte unseres Papstes auf:” Wo Gott ist, da ist Zukunft” und „Wer glaubt, ist nie allein.” Diese Worte sprechen für sich.
Mit einer Meditation von Pater Erich Purk möchte ich meine Gedanken und Überlegungen beenden. Er lädt mit diesen Worten zu Atempausen in der Fastenzeit ein:

„ Ich atme ein
Ich atme aus
Ich lebe

Atempause
Die kleine Unterbrechung
Geschenk für alle
Die leben wollen

Darauf kommt es an
Den Sanften Lauf unterbrechen
Atempause
Den gehässigen Redefluss unterbrechen
Atempause
Den zornigen Gewaltausbruch unterbrechen
Atempause

In der Unterbrechung gewinnt Besinnung einen Ort
In der Unterbrechung hat Gott eine Chance
In der Unterbrechung liegt die Geburtsstunde des Wunders

Atempause
Ich atme ein- Du ströme in mir
Ich atme aus- ich gebe mich dir
Ich in Dir –
Und Du in mir

Atme in mir
Odem Gottes
Und ich lebe.”

Amen

 

 Anschließend folgte der zweite Teil der Predigt von Diakon Jürgen P. Rubeck aus Pirmasens:

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

1. Als der Heilige Vater, Papst Benedikt XVI vor wenigen Tagen öffentlich erklärte, er werde sein Amt als Nachfolger des Heiligen Petrus am 28. Februar diesen Jahres niederlegen, waren die Menschen weltweit überrascht, viele auch sehr betroffen. Ein möglicher Rücktritt war zwar bereits das ein oder andere Mal angesprochen worden, doch dass es wirklich dazu kommen würde, hatte niemand so recht geglaubt.
Jetzt, nachdem klar ist, dass Benedikt XVI sein Amt als Papst tatsächlich niederlegen wird, denkt so mancher schon über die möglichen Folgen nach, die diese Entscheidung in der Zukunft nach sich ziehen könnte.
Ähnliche Auswirkungen muss die Ankündigung von Papst Johannes XXIII am 25. Januar 1959 gehabt haben, als er öffentlich erklärte, ein Konzil einberufen zu wollen, das große Reformen auslösen sollte. Als Ziel dieses Konzils nannte seine Heiligkeit die „Erneuerung der Kirche”, „größere Klarheit im Denken” und die „Stärkung des Bandes der Einheit”.
Zum damaligen Zeitpunkt war bereits längere Zeit über die Notwendigkeit eines Konzils gesprochen worden, da die Katastrophen des ersten und zweiten Weltkrieges neue Fragen bzgl. des Glaubens und der Kirche aufgeworfen hatten. Die Grausamkeiten, die Menschen Menschen zugefügt hatten, forderten neue, verständige Antworten von Seiten der Kirche, die die Gefühle der Menschen mitberücksichtigten.
Papst Johannes XXIII, der zum Zeitpunkt der Einberufung des Konzils erst kurze Zeit im Amt war, strebte ein „Heutig werden“ der Kirche an. Der dafür geprägte Begriff des „aggiornamento” steht für die Übersetzung der Glaubenswahrheiten in die heutige Sprache. Er wird leider immer wieder mit einer Unterwerfung der Kirche unter den Zeitgeist verwechselt, um nicht zu sagen mit einer solchen gleichgesetzt.
Der Ankündigung des Papstes folgte, sowohl vor als auch während des Konzils, die unausweichliche Diskussion darüber, inwieweit die Kirche alte Traditionen bewahren oder Veränderungen zulassen solle. „Konservative“ und „Progressive“ standen sich auch in den Reihen der Konzilsväter gegenüber.
Das Konzil wurde am 11. Oktober 1962 feierlich eröffnet und am 8. Dezember 1965 nach mehreren Sitzungsperioden beendet.
Was ist von diesem zweiten Vatikanischen Konzil geblieben?
Ich selbst bin im Mai 1962 geboren, habe also keine bewussten Erinnerungen daran. Allerdings wurde mir, seitdem ich in der Kirche tätig bin, d.h. seit meiner Firmung vor fast 36 Jahren, klar, wie oft noch die Rede ist vom „Geist des II. Vatikanischen Konzils“ und dessen Auswirkungen im Hier und Heute. Genauso oft wird aber auch die Meinung bekundet, wie weit man sich von diesem Geist entfernt habe.

2. Was genau ist dieser „Geist des II. Vatikanischen Konzils“?
Meine eigenen Erinnerungen an die unmittelbar nachkonziliare Zeit gehen auf meine Kindheit und frühe Jugend zurück und sind deshalb nicht unbedingt objektiv. Dennoch
halte ich das eine oder andere für kennzeichnend für die damalige Zeit, die man gerne mit “Aufbruch” und “Neuanfang” in Verbindung bringt.
Ich bin in einem Dorf aufgewachsen, in dem die Dinge in der Kirche unverrückbar zu sein schienen: der Hochaltar, die Kommunionbank, die teils offenen Beichtstühle, die Frauen- und die Männerseite in den Bankreihen, die Kanzel – alles hatte seinen festen Platz. Nach der HI. Messe stürmte man nicht aus der Kirche hinaus, sondern blieb in der Bank, kniete nieder und betete gemeinsam “hochgelobt und gebenedeit sei das allerheiligste Sakrament des Altares”.
Und doch gab es gleichzeitig auch Veränderungen: in immer mehr Gottesdiensten wurden Kopien von neuen Liedern und Texten verteilt, die Kanzel verlor ihre Bedeutung, der Altar rückte in die Mitte des Altarraumes und der Priester zelebrierte die Messe mit Blick zur Gemeinde. Das Lateinische verschwand und auf einmal waren wir – allein schon aufgrund der Sprache! – ganz anders in das Geschehen einbezogen.
So mancher Gottesdienst hatte damals einen starken Experimentalcharakter: es galt alles, was “alt” war, durch vermeintlich “neues” zu ersetzen, auch wenn das oft nur die Form oder die Gestaltung und weniger den Inhalt selbst betraf.
Menschen, die ihr ganzes Leben in die Kirche gegangen waren, wurden auf einmal nicht mehr gesehen, weil sie mit den Veränderungen nicht zurecht kamen.
Andererseits engagierten sich jetzt viele, weil sie den ernsthaften Wunsch hatten, in ihrer Kirche mitzuwirken, ja vielleicht ein wenig am Reich Gottes mitzubauen.
Das Ende des Konzils fiel in die Zeit der weit reichenden gesellschaftlichen Auseinander-setzungen Ende der 60er Jahre, also in die Zeit der „68er Unruhen“. Von diesem Aufruhr blieb die Kirche meiner Meinung nach nicht verschont: auch hier wurde nun alles in Frage gestellt und kritisch beleuchtet, was sich in den Epochen zuvor entwickelt hatte. In dieser Zeit – und auch noch eine ganze Weile danach – wurde nichts mehr einfach akzeptiert, nur weil es eine Autorität – ob staatlich oder kirchlich – als Wahrheit verkündete.
Hier scheint mir das Problem mit dem “Geist des II. Vatikanischen Konzils” zu liegen:
das Konzil wollte die Erneuerung, es wollte eine neue, den Menschen der modernen Zeit zugewandte Sprache. Die Kirche sollte wirklich im Hier und Heute ankommen und Antworten ermöglichen auf die drängenden Fragen der Menschheit. Wie weit die Kirchenfenster geöffnet wurden, spürt man sehr deutlich, wenn man die Konzilstexte liest; selbst in den Dokumenten, die erst nach zähem Ringen und manchen Korrekturen durch den Papst zustande gekommen waren, ist die Offenheit spürbar.
Das Konzil definierte die Kirche als Volk Gottes, als Zeichen des Heils unter den Völkern, als Zeichen der Freude und der Hoffnung. Die Liturgie, die Feier eben dieses Volkes Gottes, wurde auf eine wunderbare, neue Basis gestellt: ab diesem Zeitpunkt konnte jeder in seiner Muttersprache an der Feier teilnehmen und zu dieser beitragen. Die Würde der Laien und deren Auftrag wurde besonders betont; für die Ausbildung, das Leben und Wirken der kirchlichen Amtsträger wurden neue Richtlinien erlassen.
Das Konzil hat den innerkirchlichen Dialog, den Dialog mit den christlichen Kirchen sowie den interreligiösen Dialog unumkehrbar etabliert.
Das sind nur einige Beispiele, aber sie zeigen, dass die Kirche durch das Konzil eine Bewegung in Gang gesetzt hat, die sich nicht mehr umkehren lässt: die Bewegung hin zum konkreten Leben der Menschen, hin zum Hier und Jetzt.
Diese Ziele wurden und werden oft missverstanden.
Auf der einen Seite gab es euphorische Erwartungen, dass alles anders, besser und leichter werde, auf der anderen Seite gingen manchen die Veränderung nicht weit genug, so dass sie sich innerlich und äußerlich von der Kirche abwandten, enttäuscht, ja verbittert.
So entstanden zwei Lager: Das der „Progressiven“ und das der Gegenseite, die fürchtete, dass alles, was bisher als sakrosankt gegolten hatte, verraten werde und verloren gehe.
Und so wandten auch sie sich ab, manche still und leise, manche, indem sie eine Kirchenspaltung in Kauf nahmen – weil sie Angst hatten, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Angst vor zu viel oder vor zu wenig Veränderung – nichts ist dem Geist des II. Vatikanums ferner!
Die Dokumente des Konzils bezeugen keine Angst, sondern etwas ganz anderes:
die feste Überzeugung, dass der Geist Gottes, der Heilige Geist, in seiner Kirche lebendig ist.
Das Konzil war keine Revolution, kein Umsturz; vieles blieb unvollkommen, ungelöst, unbeantwortet. Und dennoch hat das Konzil die Kirche, besser: die Art, wie Kirche verstanden und gelebt wird, für immer verändert.
An der Wahrheit, die einzig in Jesus Christus begründet ist, hat sich dabei nichts geändert, wohl aber an der Gestalt der Kirche. Eine solche einschneidende Veränderung geschieht nie ohne den Heiligen Geist.

3. Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Ein bis heute sichtbares Zeichen der Veränderung, die ihre Wurzeln im II. Vatikanischen Konzil hat, ist das Amt des ständigen Diakons. Schon vor dem Konzil gab es Überlegungen, das Diakonat als eigenständiges Amt wiederherzustellen, das Gläubigen auf Dauer durch die sakramentale Weihe verliehen wird. Man sah einen Bedarf für dieses Amt, weil gerade in der Moderne die sozialen Probleme zunahmen, die Entfremdung des Menschen, seine Vereinsamung, die Reduzierung auf seine Arbeitskraft sowie seinen gesellschaftlichen Wert. Hier entstanden ganz neue Nöte, nie gekannte Konflikte und tief greifende Verwerfungen.
Das Konzil schaffte die Grundlagen für ein Weiheamt, das in seinem Potenzial und seiner theologischen Dimension bis heute noch nicht vollständig erschlossen ist. Ein Wagnis – aber das Konzil ließ sich darauf ein.
Heute gibt es vielerorts Diakone. Meist sind sie genau in den Bereichen aktiv, in denen die vielschichtige Not unserer Gesellschaft evident wird: in der Sorge für kranke, alte, behinderte Menschen, bei akuten Notlagen und Konfliktsituationen, an den Schnittstellen zu kommunalen oder staatlichen Stellen, in der Jugendarbeit oder in vielen anderen Bereichen. Diakonat ist dabei nicht ein geweihtes Sozialarbeitertum, es steckt mehr dahinter: all das, was wir tun, ist eingebettet in die sorgende, ja dienende Liebe Jesu Christi.
Christus will, dass Menschen Heil erfahren. Und das können sie nur in gerechten Strukturen und zuträglichen Lebensverhältnissen. Gerechte Strukturen schaffen und Lebensverhältnisse verbessern – das ist die Aufgabe von uns allen!
Es geht nicht um Almosen und Spenden, auch wenn diese natürlich nötig sind.
Es geht um weit mehr: es gilt, eine innere Haltung zu entwickeln, die den Mitmenschen als Ebenbild Gottes achtet und die uns achtsam sein lässt, was seine Not, was seine Defizite, aber auch seine Hilfebedürftigkeit angeht.
Das geht uns alle an. Jesus sagt nicht: überlasst das den Diakonen. Er sagt: liebt einander wie ich euch geliebt habe!
Wir Diakone haben die Pflicht, diesen zentralen Auftrag der Kirche und jedes einzelnen von uns immer wieder deutlich zu machen – ein hoher Anspruch, dem wir sicher nicht immer gerecht werden. Aber das II. Vatikanische Konzil hat auch hier eine zeitgerechte,
mutige, neue Ausdrucksform gefunden, indem es das Ständige Diakonat wieder eingeführt hat, wissend, dass auch hier noch nicht alles abschließend geklärt ist und die Entwicklung noch andauert.
Eines ist sicher: wo der Geist des Konzils, der Heilige Geist lebendig ist, müssen wir keine Angst zu haben!
Um es in den Worten des verstorbenen Papstes Johannes Paul II. zu sagen:
„Habt keine Angst! Reißt die Tore weit auf für Christus!“ Oder, wie der selige Paul Josef Nardini sagt: „Gott hilft aus aller Not – darum lasst uns mutig voranschreiten.“
Ich wünsche uns allen den Mut, im Geist des Konzils voranzuschreiten und mitzuwirken am Werk unseres Herrn Jesus Christus: am Reich Gottes, das überall da entsteht, wo Friede Gerechtigkeit und Liebe sind. Amen.

Im Anschluss an die Vesper fand ein kurzes Gespräch mit den beiden Predigern im Wallfahrtskloster statt.

Gesprächsrunde

 

Gesprächsrunde_1

 

Ende gut, alles gut

Wir danken beiden für Ihre interessanten Ausführungen und wünschen Ihnen weiterhin Gottes Segen.

 

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