Zeit in Blieskastel

Nachdem die Pietá in Gräfintha gute und schlechte Zeiten überstanden hatte, wurde das Bild 1786 – nach der Auflösung des Wilhelmitenklosters Gräfinthal – in die St. Sebastianus-Kirche nach Blieskastel gebracht.

Diese Kirche, die schon die ganze Zeit als Filiale von Blickweiler von den Wilhelmiten betreut worden war, sollte nun als Stiftskirche dienen. Am 22. November 17 86 wurden die Übergangsakten unterzeichnet. Laut diesen sollte von dem Vermögen der Stiftsherren in Blieskastel eine neue Stiftskirche erbaut werden. Den Mönchen wurde weiterhin vorgeschrieben, am Dienstag, dem 28. November 1786 das aufgehobene Kloster zu verlassen und die Bereitgestellten Stiftswohnungen in Blieskastel zu beziehen. Das Gnadenbild sollte an einem vorhergehenden Morgen in einer Kutsche von zwei Stiftsherren begleitet ohne Feierlichkeiten nach Blieskastel überführt werden.

1786, Montag, 27 November: ohne besondere Feierlichkeiten wird das Gnadenbild in einer Kutsche, begleitet von zwei Stiftsherren, nach Blieskastel überführt. Die Pfarrkirche St. Sebastian dient vorübergehend als Stiftskirche. Hier wird das Gnadenbild zur Verehrung aufgestellt.

1786, Dienstag, 28. November: Das Kloster Gräfinthal wird von den Mönchen verlassen. Sie ziehen als Stiftsherren nach Blieskastel.

Blieskastel war glücklich, das hochverehrte Gnadenbild in seinen Mauern zu bergen und gewiss war es nur der Ausdruck des allgemeinen freudigen Empfindens, dass Gräfin Marianne 1787 den Schmuck des Bildes durch die silberne reich vergoldete Krone vermehrte.

Bald darauf aber, 1793, fiel den Stürmen der großen französischen Revolution die leyen´sche Herrschaft zum Opfer und die Chorherren mussten gleich den Franziskanern des Blieskasteler Konvents fliehen. Die Chorherren, die in großer Eile das Land verlassen mussten, ließen das Bild in ihrer Stiftskirche zurück.

Doch auch diesmal zeigte sich wieder Gottes schützende Hand. Die Einwohner von Bliesmengen machten 1794 ihre Ansprüche auf das Bild geltend, doch die Blieskastler wollten es nicht mehr herausgeben. So wurde es dann durch die Habgier der französischen Republikaner gefährdet und durch die „Ausleerungskommission“ zur Versteigerung gebracht. Die Mädchen von Blieskastel überboten die von Bliesmengen und ersteigerten das Bildnis für die Summe von 100 Gulden und Kosten von 25 Gulden.

Die Quittung lautet wie folgt: „Die Jungfern von Blieskastel haben die Anbietung der Jungfrau von Bliesmengen für die Muttergottes von Gräfinthal mit hundert Gulden samt den darauf ergangenen Kosten mit fünfundzwanzig Gulden überboten und bezahlt, worüber Quittung.

Blieskastel, den 1. Germinal 4. Jahres der Frankenrepublik (d.i. Ende März 1796)

Gez. Wolfanger

Die Blieskastler, die nun Eigentümer des Bildes waren, brachten dieses zur Verehrung wieder an seinen Platz in der St. Sebastian-Kirche.

Nachdem sich die Verhältnisse im Land beruhigt hatten, kehrten die Stiftsherren nach Blieskastel zurück. Im Juli des Jahres 1802 wurde dem Kapitel auf Grund des Beschlusses der Konsulen vom 10. Juli bekanntgegeben, dass alle geistlichen Körperschaften innerhalb der vier durch den Lunéviller Frieden zu Frankreich geschlagenen Departemente aufgehoben seien. Damit hatte das kaum erst erstandene Chorherrenstift von St. Sebastian ein vorzeitiges Ende gefunden.

Im Jahre 1809 erhielt das Gnadenbild „Unsere Liebe Frau mit den Pfeilen“  eine neue Unterkunftsstätte. Die St. Sebastianskirche, die den Ansprüchen Blieskastels nicht mehr genügte, wurde aufgegeben. An deren Stelle trat als Pfarrkirche die frühere Hof- und Franziskanerkirche auf dem Schlossberg, die vorläufig notdürftig hergerichtet wurde. Am Mariä-Himmelfahrtstage des Jahres 1809 wurde das Gnadenbild „Unsere Liebe Frau mit den Pfeilen“  zusammen mit dem Allerheiligsten in die neue Pfarrkirche übertragen. Hier wurde es auf dem linken Seitenaltare zur Verehrung aufgestellt.

In der Zeit von 1818 bis 1829 war Decan Friedrich Thinnes als Pfarrer in der Schlosskirche zu Blieskastel eingesetzt. Er hatte das Bild, welches im Laufe der Zeit mit Mänteln und Schleiern umhüllt worden war, nie näher untersucht und wusste deshalb den Wert desselben nicht zu schätzen. So maß er dem Bilde nur einen geringen Wert bei und ließ es im Jahre 1827 durch ein – seiner Meinung nach – schöneres Muttergottesbild ersetzen. Infolge der oberflächlichen Betrachtung hielt er das Bild für eine Nachbildung der Gottesmutter mit dem Jesuskinde. Das Gräfinthaler Gnadenbild wurde dann in der von Carl Caspar und Damian Adolf von der Leyen auf dem Han errichteten Hl. Kreuz-Kapelle aufgestellt.

Gnadenbild _ Damalige Aufmachung

Die Hl. Kreuzkapelle, die in der Zeit der französischen Revolution entweiht und danach eine Zeitlang geschlossen worden war, war bereits für den gottesdienstlichen Gebrauch wieder hergerichtet worden. Auf dem Notaltare reichte der Platz wegen Mantel und Schleier, die das Bild umgaben, nicht aus. Aus diesem Grunde wurde es auf eine Konsole gestellt, die links des Altares hoch an der Seitenwand angebracht war.

Da die Nachfolger von Decan Thinnes sich auch nicht weiter für das Muttergottesbild interessierten, übernahmen sie einfach dessen Meinung, dass das Bild wertlos sei. So kam es, dass dem Bilde nicht mehr die ihm gebührende Verehrung zuteilwurde. Mit der Zeit geriet es in Vergessenheit. Kaum einer wusste noch um die Geschichte und die Bedeutung des Bildes.

„Die Schulschwestern erneuerten von Zeit zu Zeit Mantel und Schleier und erzählten dabei den größeren Schulmädchen von der Geschichte des Bildes, so viel und so wenig sie selbst sagenhaft wussten. Allein auch dieses wenige drang nicht in weitere Kreisen und regte niemand zum Nachforschen an.“

In dieser Kapelle nun fristete das früher so viel verehrte Bild ein einsames und verkanntes Dasein.

Am Sebastianustag im Jahre 1911 schrieb der Vorsitzende der „Geselschaft für lothrinische Geschichte und Altertumskunde, Ortsgruppe Saargemünd“, Herr Gymnasialdirektor M. Besler einen Brief an den geistlichen Rat Adam Langhauser, der zu dieser Zeit Pfarrer in Blieskastel war.  In diesem Brief bat er ihn, das in Vergessenheit geratene Muttergottesbild zu untersuchen und ihm einige Mitteilungen zu machen, die er zum Zwecke eines Vortrages benötigte.

Das Bild wurde von seinem hohen Standort in der Hl. Kreuzkapelle heruntergeholt. Nachdem man es von Mantel und Schleier und den künstlichen Blumenkränzchen auf den beiden Häuptern befreit hatte, stellte man fest, dass es sich um eine uralte Schnitzerei handelte, die die sitzende schmerzhafte Muttergottes mit dem Leichnam ihres Sohnes darstellte.

Weiterhin fand man auch die im Bilde steckenden Pfeilspitzen.

Einen Monat später wurde das Bild noch von Herrn Generalkonservator Dr. Georg Hager aus München untersucht. Er versicherte eindeutig die Echtheit und das überaus hohe Alter des Bildes und machte das Angebot, mit ministerialer Genehmigung, die wertvolle Gruppe gemäß ihrer ursprünglichen Haltung und Form, mit Hilfe der ihm zur Verfügung stehenden staatlichen Mittel wieder herrichten zu lassen. Hiermit war endgültig klar gestellt, dass es sich bei dem verschleierten Muttergottesbild in der Hl. Kreuzkapelle zu Blieskastel um das echte Gnadenbild von Gräfinthal, um die Pietá „Unsere Liebe Frau mit den Pfeilen“  handelte. Das Bild wurde zur Restaurierung nach München gegeben.

Um dem wiederinstandgesetzten Bilde die ihm gebührende Ehre zuteilwerden zu lassen, wurde die Kapelle neu hergerichtet. Ein Renaissancealtärchen, das schon einmal der Aufnahme einer Pietá gedient hatte, wurde im Chor der Kapelle aufgestellt.

Altar-mit-Gnadenbild_thumb.jpg

Am 5. März 1913 traf die restaurierte Pfeilen-Madonna wieder in Blieskastel ein. Bis zum Palmsonntag, dem 16. März desselben Jahres, wurde das Bild in der Schlosskirche, der Blieskasteler Pfarrkirche, aufgestellt, um dann feierlich in die Hl. Kreuzkapelle übertragen zu werden.

Im Mittelpunkt des feierlichen Zuges trugen weißgekleidete Mädchen ein uraltes Holzbildnis der Mutter Gottes auf den Schultern. Und weil die Mutter Gottes auch Königin des Himmels ist, hatte sie ein Krönlein auf dem Haupte. In diesem stand zu lesen: „Offert á la Ste. Vierge par la Cte. De Leyen et de Hohengerolseck, née Baronne de Dalberg, l´année 1787“, zu Deutsch: „Der seligsten Jungfrau gewidmet durch die Gräfin von der Leyen und von Hohengerolseck, geborene Baronin von Dalberg, im Jahre 1787“.