Fastenpredigt in der Vesper am 10. März 2013

In der SakristeiDr. Heiner Geißler, Bundesminister a. D.

Sehr geehrter Herr Prior,

liebe Schwestern und Brüder,
meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich bedanke mich, dass Sie mich eingeladen haben.

Vor 50 Jahren ging das II. Vatikanische Konzil zu Ende. Ein halbes Jahrhundert ist vergangen. Jetzt sind wir beieinander in einer Zeit, in der viele sagen: „Die Kirche befindet sich in einer Krise.“ Vor 14 Tagen hat sich etwas ereignet, was innerhalb der Katholischen Kirche zum letzten Mal vor 700 oder 800 Jahren passierte, dass nämlich ein Papst zurückgetreten ist. Das hat manche erschüttert. Aber ich glaube, das sollte uns gar nicht erschüttern, sondern dadurch ist klar geworden, dass es sich beim Papst nicht um eine Art göttliche Figur handelt, sondern der Papst ist ein ganz normaler Mensch. Wir hoffen allerdings immer, dass er ein herausragender Mensch ist, der viele wichtige Aufgaben zu erfüllen hat. Er muss natürlich die Kirche leiten und führen, aber nicht wie ein absoluter Herrscher, sondern im Dienste des Evangeliums.

Darüber möchte ich etwas sagen. Das ist ja auch das Ergebnis des II. Vatikanischen Konzils gewesen: Eine neue Hochschätzung der Bibel. Das war in der Katholischen Kirche nicht immer so. Als Luther die Bibel ins Deutsche übersetzte, führte das bei der hohen Geistlichkeit nicht gerade zu Begeisterungsstürmen. Denn damals hatte man es auch schon lieber, dass das gemeine Volk interpretiert bekommt, sozusagen verdolmetscht bekommt, was im Evangelium steht. Das brauchten die Leute eigentlich gar nicht zu lesen, sondern das hat man ihnen gesagt. Jetzt konnten die Menschen die Bibel selber lesen. Das war ein riesengroßer Fortschritt. Deswegen ist es wichtig, dass wir diese Botschaft ernst nehmen.

Natürlich stehen im Neuen Testament allerlei Geschichten, die aus dem Alten Testament übernommen worden sind. Das hing damit zusammen, dass die jungen Christen, die ja alle Juden waren, die Hoffnung hatten, dass ganz Israel, die ganze jüdische Bevölkerung, diese neue Botschaft annimmt. Deswegen hat man auch bei den Texten immer wieder die Verbindung zum Alten Testament hergestellt. Da sind natürlich auch Sachen reingekommen, was Jesus zum Beispiel an die Adresse der Pharisäer gesagt haben soll: „Ihr Natterngezücht und übertünchte Gräber“ und was sonst noch an Schimpfworten da zu finden ist. Die alten Propheten im Alten Testament haben kein Blatt vor den Mund genommen. Aber dann hat man auch Jesus solche Sachen in den Mund gelegt. Das hat er nie gesagt, sondern diese Aussagen findet man wortwörtlich im Alten Testament. Auch in der Passionsgeschichte findet man solche Sachen.

Es ist eine ganz wichtige Sache beim II. Vatikanischen Konzil. Eine der wichtigsten Botschaften bestand darin, dass nicht die Juden Jesus umgebracht haben, sondern die Römer. Über Jahrhunderte hinweg ist man der Auffassung gewesen, dass die Juden Jesus umgebracht hätten und die Juden die Gottesmörder seien. Das hat sogar Eingang in die Liturgie gefunden. Dieser Vorwurf, sie hätten Gott umgebracht, hat dazu geführt, dass das jüdische Volk ausgesperrt, diffamiert und verfolgt wurde. Eine schwere Schuld und Sünde hat die Kirche da auf sich geladen. Und das II. Vatikanische Konzil hat dieses Unrecht beseitigt.

Das ist auch ganz klar: Die Kreuzigung war keine Todesstrafe in Israel. Das kannten die Juden nicht. Die Juden kannten die Steinigung. Das ist auch nicht schön. Aber die Kreuzigung ist wohl die übelste Folter, die zum Tode führt, die man sich überhaupt nur denken kann. Das war eine typisch römische Hinrichtung. Römische Soldaten haben Jesus gefangen genommen. Was in der Bibel steht, dass der Hohe Jüdische Rat Jesus zum Tode verurteilt hat, ist ein Märchen. Das durften sie gar nicht. Man durfte bis auf den heutigen Tag nach jüdischem Recht nachts überhaupt kein Todesurteil aussprechen.

Jetzt komme ich wieder zur Bibel und zum Alten Testament zurück. „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder .“ Ein paar hundert Leute sollen das im Chor im Tempelhof gerufen haben, als er mit Pilatus vor die Menge trat. Aber die Sätze waren auswendig gelernt. Ein paar hundert Leute haben auswendig im Chor diese Sprüche rezitiert. Ich sage dies nur deswegen, weil wir auf den Kern der Sache kommen müssen, wenn wir über das Testament, über die Bibel, sprechen. Das ist ein Ergebnis des II. Vatikanischen Konzils, vieles andere auch, aber das ist ein ganz wichtiges Ergebnis.

Was ist der Kern dieser Botschaft? Bis auf den heutigen Tag hat es schon immer Leute gegeben, auch der jetzt zurück getretene Papst hat in Freiburg so kleine Andeutungen gemacht in die Richtung: „Die Kirche sollte sich mehr von der Welt zurückziehen“. Das hat er zwar nicht so gemeint, aber er hat sich missverständlich ausgedrückt. Aber was ist dann das Evangelium? Ist es das Eia¬po¬peia vom Himmel, wie Heinrich Heine das mal gemeint hat? Oder ist das Evangelium Opium für das Volk,, wie Marx und Lenin es gesagt haben? Das heißt eine Art Valium, ein Schlafmittel, um die Leute in ihrem Elend und in ihrer Armut zu beruhigen, als Leibeigene, als Menschen, die hungern und ungerecht behandelt werden. Dass man dann den Leuten sagt: Es ist schon schlimm. Euch geht’s schlecht. Aber das ist ja nicht so wichtig. Das eigentliche Leben beginnt ja erst, wenn ihr tot seid.

Die Kirche hat das zum Teil mitgemacht. Die Kirchen – auch die Evangelischen Kirche, die sich mit den Fürsten verbunden hat bis zum alten Kaiser Wilhelm II. Manche haben bei den Nazis mitgemacht, die Pfarrer nicht, aber der eine oder andere Bischof hat sich angepasst. Die Verbindung zwischen Herrscher, Obrigkeit und Kirche hat sich durch die ganze Kirchengeschichte gezogen.

Dann hat man den Leuten gesagt: Das eigentliche Leben kommt erst hinterher. Weil für viele schlecht begreiflich war, warum vor dem eigentlichen Leben noch so ein erstes elendes Leben vorgeschaltet werden sollte. Aber ihr sollt euch nicht aufregen. Sie haben den Leuten gesagt: Das eigentliche Leben beginnt erst, wenn ihr tot seid, damit die Leute keine Revolution machen und das Unrecht selbst beseitigen. Da ist ein bisschen was dran, was der alte Marx gesagt hat: „Opium für das Volk.“

Oder ist das Evangelium möglicherweise eine Art Gebrauchsanweisung für fromme Christen, überfromme Christen? Damit sie möglichst rasch vertikal in den Himmel fahren und sonst nichts wissen müssen. Was ist das Evangelium? Wenn man einmal die Fakten zur Kenntnis nimmt, dann fällt eine Geschichte immer auf. Sie kommt mehrfach vor. Da wird berichtet, wie die Leute auf die Rede von Jesus reagiert haben. Da heißt es immer „hoi ochloi“, ich sage es mal auf Griechisch „Ekplaessomai“: Die Leute gerieten außer sich, als sie seine Worte hörten. Sie wurden fast verrückt. Das haben sie noch nie gehört. Wir haben grad von Paulus gehört: „Die neue Schöpfung, ein neuer Mensch.“ Das hatten sie noch nie gehört „Exeplaessonto“.

Wir haben einen Bibelübersetzer, den Kirchenlehrer Hieronymus. Er hat die Bibel aus dem Urtext, aus dem Griechischen, ins Lateinischen übersetzt. Obwohl er heilig gesprochen ist, ist Hyronimus ein notorischer Falschübersetzer. Der hat das Evanglium grad so übersetzt, wie er wollte und wie ihm das theologisch gepasst hat. Zum Beispiel: Wir machen heute Nachmittag einen Bußtag. Es soll ja auch eine Art Bußgottesdienst sein. Wir hören hier in der katholischen Kirche an Aschermittwoch, die Evangelischen am Buß- und Bettag, dass die Kirche uns ununterbrochen sagt: „Tuet Buße.“ Beim „Gegrüßest seist Du Maria“ heißt’ es: „Heilige Maria, bitte für uns Sünder“.

Ich habe neulich einen Bekannten getroffen. Im Lied, das wir da gehört haben, ist mal ein anderer Ton angeschlagen. Aber sonst heißt es doch überall: „Tief aus dem Sündental rufen wir, o Herr, zu Dir.“ Neulich ist ein guter Bekannter aus der Evangelischen Kirche ausgetreten, weil er gesagt hat: Ich kann’s einfach nicht mehr hören. Jeden Sonntag wird mir gesagt, was ich für ein Sünder bin. Das muss ich auch noch singen, was ich für ein Sünder bin. Und dann habe ich mir mal überlegt : In den letzten 14 Tagen ist mir gar keine Sünde eingefallen.

Wenn man den Leuten ständig sagt: „Ihr seid Sünder“, dann wehren sie sich auch nicht richtig, weil sie dann dauernd mit einem schlechten Gewissen rumlaufen. Man beruft sich mit dieser Aussage „Tuet Buße“ aber völlig zu Unrecht auf Jesus. Denn der Satz „Tuet Buße“, den hat Jesus überhaupt nie gesagt. Auf Griechisch heißt dieser Satz, den Hieronymus falsch übersetzt hat: „Metanoeite“ (Mt 4,17). „Meta“ ist eine Präposition und heißt „um/nach“ und „noein“ heißt „denken“.

Also hat er zu den Leuten gesagt: „Ich sollt umdenken, von mir aus auch nachdenken. Umdenken, anders denken, als es damals Mode war, herrschende Lehre im Hellenismus. Denken, neu denken, „metanoeite“. Dann übersetzt Hieronymus es in seiner Bibelübersetzung und macht aus dem „metanoeite“ – aus dem „Umdenken“ – „poenitentiam agite“ – „Tuet Buße“. Das ist eine unverschämte Falschübersetzung. Seit dieser falschen Übersetzung laufen Jahrhunderte hindurch die Christen tief gebeugt, Schuld beladen, vom Sündenwahn um den Verstand gebracht, durch die Gegend.

Und vom Evangelium – Evangelium heißt im Griechischen „eu-angelio“ – „frohe Botschaft, gute Nachricht“ – bleibt dann praktisch so gut wie nichts mehr übrig. Tuet Buße, Ihr seid Sünder. Aber Jesus bringt eine frohe Botschaft, eine gute Nachricht. Und wegen dieser guten Nachricht sind die Leute fast verrückt geworden. Denn das hatten sie bis dahin noch nicht gehört.

Die Sadduzäer waren die Reichen – 34 Familien. Sie haben sich mit den Römern verbündet. Die Hohen Priester damals stammten alle aus der Klique der Sadduzäer, nicht der Pharisäer. Mit den Pharisäern hat sich Jesus laufend auseinandergesetzt. Das waren die damaligen Theologie-professoren. Sie haben sich damals genauso benommen wie die heutigen Theologieprofessoren. Da hat jeder darauf bestanden, dass er immer Recht hat. Dass waren die Rechthaber. Die Rechthaberei haben wir auch bei uns in der Kirche. Je höher die Leute angesiedelt sind, desto größere Rechthaber sind sie. Und andere dürfen nicht Recht haben. Die Pharisäer waren streitlustige Professoren, mit denen sich Jesus auseinandergesetzt hat. Aber sie waren ungefährlich. Die Sadduzäer, das waren die Mächtigen, die mit den Römern verbündet waren. Jesus hatte sie durch die Tempelreinigung herausgefordert.

Die Tempelreinigung wird bei uns auch verharmlost. Was hat er gemacht? Im Grunde genommen hat er die Banken beseitigt. Da waren die Wechselstuben. Die Wechselstuben damals sind vergleichbar mit unseren Banken wie der Volksbank, der Kreissparkasse, der Deutschen Bank oder der Commerzbank. Sie waren im Tempel, weil man ein Tempelgeld abliefern musste. Da durfte man nicht den römischen Dinar nehmen, sondern den Silberschenkel der Juden. Nur der durfte als Tempelgeld abgegeben werden. Und deswegen waren die Banken da.

Sie haben da ihre Geschäfte gemacht. Die Sadduzäer haben davon auch ihre Geschäfte gemacht, denn sie haben davon eine Abgabe bekommen. Jetzt kam Jesus und hat aufgeräumt. Da ist noch Markt gewesen und alles Mögliche. Das glaubt kein Mensch, dass er das allein gemacht hat – er mit einem Kälberstrick in dem Tempel. Das war ein riesen Laden. Das waren zig Leute, wahrscheinlich ein paar hundert Stände, Wechselstuben und Banken. Das hat er nicht alleine gemacht, sondern, die Jünger waren mit dabei. In den Augen der Sadduzäer war das eine Gang von Autonomen, die in dem Tempel herum getobt ist und abgeräumt hat.

Das hat er natürlich gemacht, weil er Recht hatte. Dieser Tempel ist als Geldquelle für die reichen Sadduzäer missbraucht worden. Das hat er ausdrücklich gesagt. Aus dem Grunde wollte man ihn beseitigen. Die Sadduzäer haben ihm ständig nach dem Leben getrachtet, wollten ihn umbringen. Auch am ersten Tag des Laubhüttenfestes. Das Laubhüttenfest ist ein fröhliches Fest, das acht Tage dauert. Sie haben ihn nicht gekriegt, weil er sich im Volk verstecken konnte. Das Volk hat ihn beschützt. Ein paar Tage später soll das jüdische Volk- dasselbe Volk – seinen Tod verlangt haben. Völlig verrückt so etwas. Sie haben ihn beschützt.

Am letzten Tag des Laubhüttenfestes zieht der Hohe Priester, Juden im Tempel um den mit Weiden geschmückten Altar. Der Hohe Priester gießt Wasser, das er am Morgen bei Sonnenaufgang aus dem Teich Shiloah geschöpft hat, auf den Altar. Während dieser Liturgie erscheint Jesus plötzlich. Und dann hat er in diese ganze Liturgie hinein gerufen: „Wenn Ihr Durst habt, dann müsst Ihr zu mir kommen.“ Er meinte natürlich nicht das Wasser, sondern er meinte den Durst nach Wahrheit, nach dem, was er gepredigt hatte. Das war eine üble Störung der Liturgie. Stellt Euch mal vor, es käme jetzt einer dahinten zur Tür rein und würde plötzlich anfangen laute Reden zu halten und würde mich unterbrechen oder den Herrn Prior, wenn er betet.

Das haben die Sadduzäer natürlich sofort mitgeteilt gekriegt, dass Jesus wieder da war, dass er gestört hat. Da haben sie die Polizei wieder losgeschickt. Sie haben gesagt: „Jetzt reicht es, jetzt nehmen wir ihn gefangen.“ Die Polizei, die für den Tempel zuständig war, ist losgezogen. Das können Sie alles im Neuen Testament nachlesen. Dann kam die Polizei nach einer bestimmten Zeit wieder und hatte Jesus wieder nicht dabei. Dann haben die Hohen Priester die Polizisten voller Ärger gefragt: J“a warum habt ihn jetzt schon wieder nicht gefangen?“ Da sagte die Polizei: „Wir haben ihn gehört. Noch nie hat ein Mensch so gesprochen. Und wir haben nicht gewagt, ihn anzurühren.“

Jesus – nicht dieser lockige Jüngling mit Haaren bis auf die Schultern runter, leicht feminisiert, wie wir das manchmal auf unseren Heiligenbildchen sehen. Das war ein athletischer junger Mann, so wie ihn Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle gemalt hat. Muss er ja auch sein. Er ist ja wochen- und monatelang in Palästina als Wanderprediger umhergelaufen. Aber dieser junge Mann, ist deswegen so wahnsinnig interessant. Er ist für mich von Anfang an der interessanteste Mensch gewesen, der eine unglaubliche Lehre verkündet hat und die größte Volksbewegung in Gang gesetzt hat, die es in der Menschengeschichte überhaupt je gegeben hat. Zwei Milliarden Menschen auf dieser Erde bekennen sich zu seinem Namen, sind Christen.

Die Frage ist, was die Christen und ihre geistlichen Anführer daraus machen, auch in der heutigen Zeit. Und wir müssen die Frage stellen: „Was war es denn, was die Leute so verrückt gemacht hat?“ „Exeplaessoto“, das heißt „herausgeschlagen werden“ übersetzt. Hieronymus hat das übersetzt mit turbae admirabantur = die Menge wunderte sich. Das ist eine verharmlosende Übersetzung. Die Radikalität dieser Botschaft wollte man im Laufe der Zeit nicht mehr so haben. Was hat er gesagt? Was hat die Leute so verrückt gemacht?

Die Antwort ist auch ganz klar. Es ist die Bergpredigt. Diese Bergpredig bedeutete eine Herausforderung an die Mächtigen, an die Reichen, auch an die Römer. Denn Jesus sagt: Nicht Macht, nicht Reichtum, nicht Ruhm oder Ehre sind entscheidend, sondern diejenigen machen es richtig, diejenigen sind selig, die barmherzig sind, die gerecht sind, die für den Frieden arbeiten, die sich für andere Menschen einsetzen. Das ist etwas, was die Menschen nicht gehört hatten, sondern sie hörten immer etwas anderes, dass sie nämlich zu gehorchen haben, dass sie alles dulden müssen, dass die Reichen und die Mächtigen entscheiden dürfen, wie die Menschen zu leben haben. Und Jesus sagt genau das Gegenteil.

Und deshalb hat der Nietzsche das Evangelium als eine Botschaft der Kleinen, Hässlichen, Armseligen, der Schwachen bezeichnet und ihnen den Übermenschen gegenüber gestellt, der nachher das Vorbild für die Nazis gewesen ist, was der Nietzsche natürlich nicht wollte. Sie haben ihn benutzt.

Diese Aussage des Evangeliums wird konkretisiert durch die Frage des Pharisäers an Jesus: „Welches sind denn die zwei wichtigsten Aufgaben und Gebote?“ Da sagt Jesus in einer ganz klaren Aussage: „Du sollst Gott lieben – und zweitens du sollst deinen Nächsten lieben.“ Und jetzt sagt er ausdrücklich: „Beide Gebote sind gleichwertig, haben denselben Wert. „

Sie kennen ja vielleicht die Spontis. Vor 30 Jahren, 40 Jahren waren das die Hausbesetzer in Frankfurt, die Randale gemacht haben. Der Joschka Fischer hat auch dazu gehört. Und sie sind berühmt und berüchtigt geworden durch die Hausbesetzungen. Aber sie waren auch berühmt durch die Sponti-Sprüche. Der Eichborn-Verlag hat diese Sprüche zusammengefügt und in fünf kleinen Bändchen aufgeschrieben. Eines dieser Bändchen hatte die Überschrift: „Lieber Intim als in Petto“. Das können Sie wieder vergessen. Wir sind in einer Kirche. Die Jüngeren und die Älteren wissen schon, was damit gemeint ist. In diesem Büchlein habe ich einen Satz gefunden. Er war durch zwei andere Sätze eingerahmt.

Der erste Satz lautete: „Wer nachts in einem Flussbett pennt, morgens nass nach Hause rennt.“ Das war ein typischer Nonsensspruch der Spontis. Der übernächste Satz der lautete: „Wer tagelang ohne Getränk auskommt, ist ein Kamel.“ Auch nicht schlecht, es könnte ein Werbespruch sein. Habt Ihr hier eine Bier-Brauerei in Blieskastel oder eine in der Nähe? Parkbräu, gibt es, glaube ich, oder auch Bitburger-Bier. Das wäre ein prima Werbespruch für jede Winzergenossenschaft: „Wer ohne Getränke auskommt – tagelang -, ist ein Kamel.“

Und zwischen diesen beiden Sätzen stand folgender Satz: „Wie kann jemand Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder hasst, den er sieht?“ Und dieser Satz ist keine Erfindung des jüngeren Joschka Fischer, sondern steht im Evangelium. „Wie kann jemand Gott lieben, den er nicht sieht, wenn er seinen Bruder hasst, den er sieht.“ – Was heißt das auf Deutsch? Das heißt, es ist völlig wertlos, jeden Sonntag in die Kirche zu laufen, fromm zu sein, nach oben zu beten, wenn man gleichzeitig am Nachmittag oder die Woche über sich die Mäuler zerreißt über Asylbewerber, Hartz-IV-Empfänger, Ausländer, Leute, die einem missliebig sind. Dann ist das ganze in die Kirche gehen nichts wert, aber überhaupt nichts wert. Das sagt Jesus – nicht ich. Das heißt Gottesliebe und Nächstenliebe sind gleichwertig. Und diese Nächstenliebe ist die politische Botschaft des Evangeliums.

Es ist nicht das Gutmenschentum oder etwas Ähnliches, sondern was darunter zu verstehen ist, hat Jesus auch gesagt: Nächstenliebe. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung stand vor einiger Zeit ein Leitartikel im Wirtschaftsteil. Und da wurde die Frage aufgeworfen: Nächstenliebe – Was soll das eigentlich heißen in dieser globalisierten, modernen Welt? Wer ist denn da der Nächste? Nächstenliebe? – Wie soll denn das funktionieren? In diesem Artikel hat man die Nächstenliebe richtig lächerlich gemacht. Wer ist denn der Nächste?

Der Erfinder dieser Nächstenliebe, nämlich Jesus, der hatte vor 2000 Jahren ähnliche Probleme. Denn bei den alten Juden gab es die Nächstenliebe auch, steht im Alten Testament. In den Büchern Moses kommt die Nächstenliebe des öfteren vor. Aber bei den alten Juden war der Nächste genau definiert. Es war nämlich der Volksgenosse. Den Begriff kennen wir auch. Und derjenige, der Gastrecht hatte.

Die Pharisäer, die Professoren der damaligen Zeit, kamen zusammen und haben gesagt. „Ja der redet dauernd von Nächstenliebe. Meint er denn dasselbe wie wir? Oder meint er möglicherweise was ganz anderes?“ Da haben sie bekanntlich einen zu ihm geschickt, der Jesus die FAZ-Frage gestellt hat: „Sag mal Rabbi, wer ist denn der Nächste?“ Und Jesus hat nicht direkt geantwortet, sondern hat eine Geschichte erzählt, eine weltberühmte Geschichte. Die Geschichte von der Aduminsteige, der Blutsteige, die herabzieht von Jerusalem nach Jericho, berühmt-berüchtigt durch Mord und Totschlag.

Er erzählt die Geschichte von dem Juden, der dort überfallen, ausgeraubt, blutig geschlagen worden ist und am Straßenrand liegt. Jetzt kommt der Priester vorbei, vom Tempel herunter, sieht den Verletzten, lässt ihn liegen – erzählt Jesus dem Pharisäer. Der Pharisäer kommt runter, lässt ihn liegen. Dann kommt der Levit, der Oranist, auch von oben vom Tempel runter, und der läuft auch vorbei. Jetzt kommt, so erzählt Jesus, – und das war natürlich die reine Provokation – der Apostat, der Abweichler, der Renegat, der Mann aus Samaria. Die Samariter ließen nur die 5 Bücher Moses gelten, alle anderen Propheten waren für sie Makulatur. Deswegen waren sie in den Augen der rechtgläubigen Juden schlimmer als die Heiden. Die kennen wir auch: Pius-Brüder hat es damals schon gegeben – das waren die Rechtgläubigen, die Ultra-Konservativen, die alles wussten. Und Jesus sagt: Der Samariter kümmert sich um den Verletzten. Er versorgt ihn medizinisch, bringt ihn ins nächste Hotel, und gibt dem Wirt sogar Geld, damit er für ihn sorgt.

Jetzt erst nach dieser Geschichte stellt Jesus die Gegenfrage, eine unglaubliche Frage. Wir denken ja immer: Der Nächste ist der Gefallene, der verletzt ist. Wir denken, das ist unser Nächster. Aber Jesus fragt den Pharisäer etwas ganz anderes. Er fragt ihn nämlich: Wer von den Dreien war der Nächste für den Überfallenen. Da musste der Pharisäer – logo – antworten: Der Mann aus Samaria. Das hat ihn innerlich fast umgebracht, aber er konnte ja nicht anders. Der Mann aus Samaria war der Nächste für den Überfallenen.

Was heißt das, diese Botschaft, die Grundlage war für die ganze Zivilisation? Das heißt: Ich, Sie, wir alle miteinander, wir sind die Nächsten für diejenigen, die in Not sind. Ich muss nicht die ganze Menschheit lieben, von Alaska bis zum Südpol, möglichst viele, damit es möglichst unverbindlich wird. Ich muss auch nicht den Silvio Berlusconi lieben oder den Peer Steinbrück. Mir wird schon schlecht bei dem Gedanken, ich müsste alle Mitglieder meiner Fraktion in Berlin lieben, alle ohne Ausnahme. Das muss ich auch nicht. Aber ich muss denen helfen, die in Not sind. Nächstenliebe ist keine Gefühlsduselei, ist kein Gutmenschentum, ist keine platonische Angelegenheit, sondern ist eine Pflicht, eine knallharte Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind. Das sagt Jesus.

Wer nicht in Not ist, dem braucht man nicht zu helfen. Es ist der Raum für Eigenverantwortung und Selbstverantwortung. Aber diejenigen, die in Not sind, denen muss man helfen. Da braucht man nicht nach Bangladesh gucken. Die Not ist auch bei uns ganz kurz vor der Haustür. Wenn jemand krank wird – und er hat nur ein mittlere Krankheit – die kann er aus der eigenen Tasche nicht finanzieren. Er braucht die Hilfe seiner Mitmenschen, die Solidarität, die Nächstenliebe. In einem modernen Industriestaat ist sie organisiert in einer Versicherung, die dafür da ist, dass für den Fall, dass jemand krank wird, wir ihm helfen, mit der Gewissheit, dass wenn ich krank werde, die anderen mir helfen. Die Solidarität ist die Grundlage für ein humanes Zusammenleben.

Aber was passiert denn bei uns? Heute sagt man den Menschen etwas ganz anderes. Die Solidarität funktioniert nicht mehr – die Nächstenliebe. Immer mehr alte Leute – und die haben sogar noch die Frechheit, dass sie immer länger leben – und immer weniger Junge. Das funktioniert ja gar nicht. Die ganzen Professoren, die im Fernsehen aufgetreten sind, Vorstandsmitlieder, Beiratsmitglieder von privaten Lebensversicherungen haben die gesetzliche Rentenversicherungen kaputt geredet. Dann haben wir die Riesterrente gemacht mit kapitalgedeckten Elementen. Ein Flop, das konnte überhaupt nicht funktionieren.

Man kann nämlich nicht ein ganzes Volk zur Absicherung der Grundrisiken auf den Kapitalmarkt verfrachten. Das geht nicht. Die Leute, die immer wieder auch in der Pflegeversicherung sagen, man müsse einen Kapitalstock bilden, um diese Risiken abzusichern. Aber kein Mensch sagt was, weder der Guido Westerwelle, noch der Philipp Rösler, noch irgendwelche Leute in der Wirtschaft, irgendwelche Professoren: Was machen eigentlich diejenigen, die einen Kapitalstock gar nicht bilden können? Die Verkäuferin, die Arzthelferin, der Busfahrer, wer bei der Müllabfuhr arbeitet. Die können keinen Kapitalstock bilden, weil sie mit ihrem Lohn grad hinkommen, um sich und ihre Familie zu ernähren.

Es wird auch nichts darüber gesagt: Was machen eigentlich diejenigen, die ihren Versicherungsschutz verloren haben, wie z.B. Millionen von Amerikanern, weil deren privaten Pensionskassen mit Aktien falsch spekuliert haben, mit Enron-Aktien, mit Lehman- Brothers-Aktien? Am Ende eines Arbeitslebens stehen sie vor dem Nichts, weil man ihre Lebensversicherung auf dem Aktienmarkt ausgeliefert hat.

Der Mensch wird heute nicht mehr ausschließlich diskriminiert, wenn er die falsche Hautfarbe hat oder zur falschen Nation gehört, sondern die heutige Diskriminierung besteht darin, – und sie prägt unsere Gesellschaft: Der Mensch wird degradiert zum Kostenfaktor. Der Mensch gilt um so mehr, je weniger er kostet und gilt um so weniger, je mehr er kostet. Und danach richtet sich alles: die Gesundheitspolitik, die Bildungspolitik. Deswegen haben unsere Sozialstationen nicht genügend Geld, obwohl die Schwestern genau das tun, was Jesus gesagt hat, dass sie nämlich denen helfen, die in Not sind. Und es sind die Hilfebedürftigsten, die wir in unserer Gesellschaft haben, unsere Pflegebedürftigen, neben den Ungeborenen. Aber die Schwestern kriegen für die Leistung, die sie erbringen, von den Pflegekassen nicht das Geld, das notwendig ist.

Dann wird natürlich gesagt, wenn du das kritisierst, musst du auch sagen, wo das Geld herkommt. Das kann ich genau sagen. Sie brauchen ja nur jeden Tag die Zeitung aufzuschlagen, um zu sehen, wo kein Geld ist und wo viel Geld ist, wo mehr Geld ist, als man sich das überhaupt vorstellen kann. Es gibt auf der Erde Geld wie Dreck. Es haben nur die falschen Leute. Wir haben einen börsentäglichen Umsatz von zwei Billionen Dollar. Jeden Tag zwei Billionen. Es reicht gar nicht: Binnen 24 Stunden werden hunderte von Millionen hin- und hergeschoben – Milliarden und steuerfrei geparkt auf den Kanalinseln, Schweiz, Liechtenstein, Kleinschweizertal, Bermuda, um dann am anderen Tag in dieses Global Gambling eingespeist zu werden, ins globale Spiel mit den Devisen der Privaten, der Spekulanten und Devisenhändler. Dadurch ist ein Geldvolumen entstanden, das weit über dem liegt, was an Leistungen und Produkten auf der Welt erwirtschaftet wird. Eine gigantische Finanzindustrie, wo einige wenige immer mehr Geld und Reichtum anhäufen.

Die Caritas und die Diakonie, die müssen um jeden Euro kämpfen für diejenigen, die hilfebedürftig sind. Jetzt frage ich Sie einmal: Botschaft des Evangeliums. Politische Dimension des Evangeliums: Denen helfen, die in Not sind. Wo bleibt die Kirche? Die Kirche beschäftigt sich mit allem Möglichen. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Sexualmoral, mit der Frage, ob evangelische und katholische Christen gemeinsam das Abendmahl feiern dürfen. Für die Kirche ist ein riesiges Problem, ob wiederverheiratete Geschiedene die Kommunion empfangen dürfen.

Ich habe ein kleines Büchlein geschrieben mit dem Titel: Was würde Jesus heute sagen? Ja was glauben Sie, was der sagen würde, wenn er das erleben müsste, womit wir uns zurzeit in der Kirche beschäftigen. Wir haben ein riesen Problem auf dieser Erde. Das Problem der sozialen Gerechtigkeit. Und wir als Christen haben die Botschaft, wie man dieses Problem lösen kann. Aber doch nicht dadurch, dass wenige Leute immer reicher werden, immer reicher und nochmal reicher. Und wir, die gewählten Politiker, sind mittlerweile in der Lage, uns gegen diese Kapitalinteressen durchzusetzen.

Wir haben vorhin vom börsentäglichen Umsatz geredet. Sie müssen von jeder Windel, von jeder Kaffeemaschine Umsatzsteuer bezahlen. Aber die Devisenhändler und Spekulanten an den Börsen mit zwei Billionen täglich müssen sich bis jetzt mit keinem Cent an der Finanzierung der großen humanen Aufgaben beteiligen – mit keinem Cent. Und deswegen bin ich Mitglied von Attac geworden – schon vor 12 Jahren. Ich habe Briefe gekriegt von der CDU, sogar vom Landesvorsitzenden. Sie haben gesagt: „Du musst sofort wieder austreten.“ Da habe ich gesagt: „Nein ich trete nicht aus.“ Und zwar deswegen, weil Attac keine Kampforganisation gegen die Polizei ist, sondern ein Netzwerk von jungen Leuten aus der ganzen Welt, die sich das zum Ziel gesetzt haben, was aus ihrem Namen hervorgeht.

Attac: Das ist nämlich Französisch: „association pour une taxation des transactions financières pour l’aide aux citoyens“. Das heißt eine Organisation zur Durchsetzung der internationalen Finanztransaktionssteuer. Dafür kämpfen wir schon seit über einem Jahrzehnt. Wir haben es durchgesetzt. Ein großer Sieg dieser jungen Leute. Es steht auf der Agenda der G-20-Staaten, Inhalt der Bundesregierung, Inhalt des Programms der Christlich-Demokratischen-Union, auch der Sozialdemokraten. Wir wollen, dass diejenigen, die in diesem Umfang Geschäfte machen, sich an der Finanzierung der Menschheitsaufgaben beteiligen müssen.

Die UNO braucht ungefähr 100 Milliarden Dollar, um ihre Millenniumsziele zu finanzieren: Brunnen bohren in Afrika, Halbierung der Armut, dass alle Kinder in die Schule gehen können, Bekämpfung der Volkskrankheiten. Wenn wir 0,05 Prozent Finanztransaktionssteuer erheben würden, dann hätten wir in Europa 70 Milliarden Euro. Wir könnten die ganzen Jugendprogramme finanzieren, die der Cameron, der konservative Ministerpräsident mit seiner Partei in London gestrichen hat, wo wir inzwischen eine Jugendarbeitslosigkeit haben von 25 Prozent, in Frankreich 30, in Spanien 40, in Italien 50, in Griechenland 60. Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, lassen wir allein.

Und eine Minderheit scheffelt Geld bis zum „Geht nicht mehr.“ Was wir heute bräuchten, wäre das, was die Leute damals auch empfunden haben: Sie gerieten außer sich. Wenn Jesus heute da wäre, dann würde er sich an die Spitze der Bewegung setzen, die dieses Unrecht beseitigt. Von mir aus sollte es eine Revolution sein. Das Evangelium ist eine Revolution. So haben sie das auch empfunden. Im übrigen ist das Evangelium – das ist auch eine Aussage aus dem II. Vatikanischen Konzil – eine Revolution für die Befreiung des Menschen: Nicht Sklave und Freier, nicht Jude und Römer, nicht Mann oder Frau.

Die Gleichberechtigung der Frau – das war das Programm von Jesus. Wenn er die Ehescheidung bekämpft hat, dann war das eine Attacke auf das männliche Ehescheidungsrecht der Juden. Denn der Ehemann konnte zu seiner Frau, die missliebig war, die er nicht mehr haben wollte, sagen: Ich verstoße dich, ich verstoße dich.“ Das hat er dreimal gesagt – und dann war sie weg. Dann war sie allein oder musste sich ihr Geld verdienen als sogenannte Sünderin. Die Sünderinnen kommen ja in der heiligen Schrift auch vor.

Wir kennen die Geschichte, was Jesus zu dem Thema gesagt hat. Er war bei einem Pharisäer zum Mittagessen. Da ist eine sogenannte Sünderin gekommen und hat ihn berührt, hat in gesalbt, hat mit ihm gesprochen – auch eine absolute Provokation. Bei den Juden durfte man das gar nicht machen. Wenn sie einen Becher angefasst hätte, dann hätte er acht Tage lang gereinigt werden müssen mit allen möglichen Ritualen, bis er überhaupt wieder angefasst werden konnte. Jetzt hat sich dieser Jesus von der Sünderin sogar direkt berühren lassen, mit ihr geredet, hat sich anfassen lassen. Da hat der Pharisäer die Konsequenz gezogen und gesagt: „Wer sowas macht, der kann nicht der Messias sein. Der kann nicht der Prophet sein.“ Das war die Auffassung dieser Leute. Das Urteil über Jesus.

Aber Jesus hat das Gegenteil getan, als die Frau gesteinigt werden sollte, weil man ihr Ehebruch vorgeworfen hat. Da haben sie die Frau zu ihm gebracht, damit er mit dem Steinigen anfängt. Und was hat er getan? Wir wissen es heute nicht, was es heißt: Er hat im Sand geschrieben. Die Pharisäer haben es gelesen, was da im Sand stand. Und dann heißt es: Und sie gingen davon voller Wut im Herzen. Und Jesus hat zu ihnen gesagt: „Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Jesus war ein Freund der Frauen. Und er hatte auch Jüngerinnen. Das können wir bei Lukas nachlesen. Sie gehörten zu seiner Gefolgschaft. Und das waren die Treuesten.

Im Garten Getsemani hat Petrus, der im Fechten offenbar nicht gut ausgebildet war, noch zuzuschlagen versucht, aber ohne jedes Ergebnis. Jesus hat gesagt: „Hör auf damit.“ Aber als die römischen Soldaten Jesus gefangen nahmen, da hat man von den Männern, den Aposteln, also den Vorläufern unserer Päpste und Bischöfe, nur noch Staub gesehen, nicht mal mehr Staub. Die waren weg. Und der Anführer dieser Apostel – Petrus -, hat doch tatsächlich anschließend einem kleinen Mädchen gegenüber im Hofe der Hohenpriester behauptet: „Den kenne ich überhaupt nicht, den habe ich noch nie gesehen. Jesus, den habe ich noch nie gesehen.“ Der Hahn hat dann dreimal gekräht.

Die Frauen sind bei Jesus geblieben. Die Frauen aus Galiläa und andere. Sie standen unter dem Kreuz. Sie haben Jesus geholfen – die Frauen. Und die Frauen waren es, die die Zeugen der großen Heilstat waren: Des Todes, der Grablegung und Auferstehung, Maria Magdalena. Und sie waren es, die diese Nachrichten dann den Männern überbrachten, die sich in einem Hinterzimmer in Jerusalem verdrückt hatten, während die Frauen unter Lebensgefahr ans Grab gingen.

Was will ich damit sagen? Es muss endlich ein Ende haben – das ist im II. Vatikanischen Konzil auch schon angedacht und andiskutiert – es muss ein Ende haben mit der Diskriminierung der Frauen in unserer Kirche. Es gibt für den Zölibat und das Verbot des Frauenpriestertums nicht einen einzigen Beleg im Testatment, nicht einen einzigen Beleg in der Bibel. Wir haben ja nur Männer: Diakone, Priester, Domkapitulare, Generalvikare, Bischöfe, Erzbischöfe, Kardinäle, Kurienkardinäle, Päpste, nur Männer. Was für eine Vergeudung von menschlichem Wissen, Erfahrung, charakterlichen und geistigen Potentials. Die Hälfte der Menschen einfach aus der Führung einer so großen Organisation wie der Kirche auszuschließen. Es ist nicht nur eine schwere Sünde gegenüber Frauen, es ist vor allem dumm.

Es ist töricht, was da gemacht wird. Statt dessen lösen wir Pfarrgemeinden auf, auch hier in der Diözese. Wir machen eine Gemeindepastoral. Da werden sieben, acht Gemeinden -Eglesia – also das Kirchenvolk, das sich zusammengefunden hat – ecclesia = zusammengerufen – diese gewachsenen Gemeinden werden aufgelöst. Sie existieren auch rechtlich gar nicht mehr. Da hat es angeblich Mitgliedsprobleme bei der Sozialstation gegeben, eine andere Einrichtung, alles Unsinn. Aber die werden aufgelöst. In dieser ecclesia organisiert sich alles mit den 70 Pfarrern, die wir noch haben. Statt dass wir endlich mal die Gründe beseitigen, warum wir nur noch 70 Pfarrer haben, aber nicht nur bei uns in der Diözese, auch anderswo. Das ist etwas, was wir von dem neuen Papst vielleicht auch erwarten dürfen: Dass er endlich diese Reformen einleitet und durchsetzt im Sinne von Jesus.

Die Kurie, die unsere Kirche jetzt regiert, dirigiert seit Jahrzehnten, muss der nächste Papst endlich beseitigen. Die Kurie findet im Evangelium nicht statt. Es gibt im Evangelium nichts, was an die Kurie irgendwie erinnern würde. Es ist eine vollkommen weltliche Herrschaftsorganisation, die sich hier herausgebildet hat und die Schuld daran ist, dass wir im Moment in der Kirche diese Stagnation und diese Krise haben. Wir brauchen wieder mehr Verbindung der Bischöfe mit dem Vatikan. Die Bischöfe sind wichtig. Aber die Bischöfe müssen gleichzeitig auch ihre Pfarrer Ernst nehmen, und sie müssen die sogenannten Laien ernst nehmen.

Ich wäre froh wenn Rodríguez Maradiaga, der Kardinalerzbischof von Honduras Papst werden würde. Er stammt aus der reichsten Familien von Honduras und hat alles, sein ganzes Vermögen, hergegeben, alles bis auf den letzten Peso weg gegeben und lebt in einer Klosterzelle. Er hat das einmal sehr schön gesagt: Bei uns in der Kirche ist es so: Ganz oben ist der Papst. Dann kommen die Kardinäle, dann die Erzbischöfe und die Bischöfe, dann kommen die Prälaten. Dann kommen die Pfarrer. Und dann kommen die Laien.

Das ist aber nicht das, was das II. Vatikanische Konzil wollte. Wir haben eine Amtskirche, das ist wahr. Diese Amtskirche hat eine viel zu große Macht, die im Evangelium gar nicht vorgesehen ist. Das II Vatikanische Konzil sagt, die Kirche ist eine Volkskirche. Wir alle sind die Kirche. Und das bedeutet, dass man auf uns auch hören muss. Dass diejenigen, die zu dieser Volkskirche gehören, eine Stimme haben müssen. Deswegen brauchen wir heute in der Kirche mehr Demokratie. Leider ist der Vatikan die letzte absolute Monarchie, die wir noch auf der ganzen Welt haben. Und so wird die Kirche insgesamt regiert und dirigiert. Das muss ein Ende haben.

Die Bischöfe müssen auch gewählt werden können. Der Papst muss von den Bischöfen gewählt werden und nicht von 100 Kardinälen, die der vorherige Papst vorher ernannt hat, sondern von den Bischöfen. Wer Bischof wird, das soll nicht der Vatikan bestimmen, sondern das soll in der Ortskirche bestimmt werden, so wie das im Urchristentum auch der Fall ist. Das ist auch das Ergebnis des II. Vatikanischen Konzils. Es gibt wahnsinnig viele Aufgaben, die der neue Papst realisieren muss. Aber das Ernstnehmen der Botschaft des Evangeliums, ist das Entscheidende. Im Grunde genommen befinden wir uns da völlig auf der sicheren Seite.

Das letzte Kapitel des Matthäus-Evangeliums möchte ich jetzt einmal vortragen: Die Endzeitrede, wo Jesus sagt, dass die Völker vor ihm stehen. Da gibt es die einen und die anderen. Und bei den einen sagt er: „Ich habt nichts richtig gemacht, ihr seid nicht so willkommen“ Zu den anderen: „Ihr habt’s richtig gemacht. Ihr habt richtig gehandelt: Als ich hungrig war, habt ihr mir zu essen gegeben, als ich Durst hatte, zu trinken. Als ich krank war, habt ihr mich gepflegt. Als ich in der Fremde war, habt ihr mich aufgenommen. Als ich im Gefängnis war, habt ihr mich besucht.“ Und dann haben sie gefragt: „Wann haben wir dich gepflegt oder mal im Gefängnis besucht?“ Und dann sagt er: „Was Ihr Euren Mitbürgerinnen und Mitbürgern, selbst wenn es die Elendesten oder die Schwächsten gewesen wären, getan habt oder nicht getan habt, das habt Ihr mir getan oder mir nicht getan.“ Botschaft, politische Botschaft des Evangeliums.

Denn Politik ist nichts anderes, wie Aristoteles sagt, als das Bemühen, das geordnete Zusammenleben der Menschen zu ermöglichen. Und wie die richtige Ordnung aussieht. Unantastbarkeit der menschlichen Würde, und zwar jedes Menschen, unabhängig von Hautfarbe, Geschlecht, Nation. Und gleichzeitig die Pflicht, uns gegenseitig zu helfen, wenn wir in Not geraten. Eine blendende, eine großartige Botschaft. Wenn diese zwei Milliarden Christen diese Botschaft ernst nähmen mit ihren geistlichen Führern, wir könnten die Welt wirklich verändern. Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben -indem wir uns selber engagieren – dass dies eines Tages auch Wirklichkeit wird.

Ich bedanke mich, dass Sie mir zugehört haben.

Dr. Heiner Geißler
Dr. Heiner Geißler

Es wird dieskutiert

 

(PS: Es handelt sich um eine nicht autorisierte Textfassung der Fastenpredigt)

 

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