Fastenpredigt in der Vesper am 17. März 2013

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Herr Landrad Clemens Lindemann in der Wallfahrtskirche Blieskastel

Lieber Pater Piotr,
meine sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Brüder und Schwestern,

zunächst mal, diese Woche war sehr ereignisreich. Herzlichen Glückwunsch zur Wahl des neuen Papstes. Sein Name ist Programm und das lässt einiges erwarten. Sicher wird es Erwartungen geben, die er nicht erfüllen wird. Aber es hat mich beeindruckt, wie er um den Segen und das Gebet der Menschen gebeten hat und sich in Demut verneigt hat. Herzlichen Glückwunsch auch den Franziskanern hier in Blieskastel und überall auf der Welt. Mit der Namensgebung ehrt er den Ordensgründer und die Ordensgemeinschaft.

Bei der Vorbereitung von heute, ich wollte ja ein bisschen über das Konzil und meine Erfahrungen, was hat sich geändert, was ist geblieben, was ist wieder rückwärtsgegangen – habe ich nach einem Buch gegriffen des damals bekanntesten Konzilskommentators, Pater Mario von Galli, auch Jesuit wie der jetzige Papst. Und das Buch heißt: „Gelebte Zukunft: Franz von Assisi“, erschienen 1970, aber immer noch lesenswert, immer noch spannend. Und dort konnte ich nochmal nachlesen von diesem unvergleichlichen Kommentator des II. Vatikanum: Der Heilige Franz in seiner Modernität, in seiner Besinnung auf das Evangelium und dem Begründer Jesus von Nazareth. Nicht Dogmen, Tradition und Kirchenrecht, sondern die Heilige Schrift allein ist unmittelbarer Maßstab und das Beispiel des Herrn.

Am letzten Sonntag war hier Heiner Geißler. Auch hierzu einen Glückwunsch. Es war eine beeindruckende Rede mit einer klaren, präzisen Sprache. Ich stimme Heiner Geißler zu, er hat in vielen Sachen, in vielen Punkten das was ich ohnehin auch sagen wollte vorweg genommen. Er ist ein großer Vordenker.

Und jetzt zum Konzil. Vor 50 Jahren begann es. Ich war damals Messdiener. Die Messe war auf Latein. Wir Messdiener mussten Lateinisch lernen. Wir haben zwar nicht alles verstanden, aber wir haben es tapfer gebetet. Diese Vorgabe zu hinterfragen, kam mir nicht in den Sinn. Es war damals bei uns nicht üblich, dass man Vorgaben der Kirche hinterfragte, in unserer Familie jedenfalls nicht. Der Priester stand mit dem Rücken zum Volk. Eigentlich für ein Mahl, auch für ein Heiliges Mahl unvorstellbar. Aber so war es.

Es wurde viel Angst gemacht. Sünden waren zu bekennen, auch wenn man nicht so richtig wusste, welche. Die Angst, in Sünde zu sterben, dem ewigen Gericht zu verfallen, ein ewiges Leben in der Hölle schmoren zu müssen, dies war eine Vorstellung, die immer wieder an die Wand gemalt wurde und die natürlich auch gegriffen hat.

Heiner Geißler hat den gram- und sündengebeugten Menschen letzte Woche sehr gut beschrieben. Frauen spielten keine tragenden Rollen. Selbst Messdiener durften nur Jungs werden. Dogmen wurden wiederholt, aber wenig verstanden. Mich persönlich stutzig machte damals die Zensur von Theologen, das Imprimatur. Es gab den Index der verbotenen Bücher. Natürlich löst sowas zunächst mal einen Reiz aus. Solange es jedoch um theologische Disputationen ging, war das für mich wenig interessant.

Mein Unverständnis konkretisierte sich zum ersten Mal, als ich mit Teilhard de Chardin in Berührung kam. Er hat zu Lebzeiten Lehr- und Publikationsverbot in den fünfziger Jahren. Er starb 1955 und durfte damals nichts veröffentlichen. Seine Philosophie faszinierte mich. Er sprach von der Evolution. Die Welt hat sich entwickelt im Wege der Evolution. Sie ist nicht in sieben Tagen erschaffen worden, sondern es war ein Entwicklungsprozess, und er hat dies mit archäologischen Studien überall in der Welt untermauert. Und faszinierend für mich auch, dass die Welt sich auf dem Punkt Omega hin entwickelt.
Und das war für ihn Jesus Christus, der kosmische Christus – eine spannenden Vorstellung. Und dies hat nicht sein dürfen.

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Dann kam das Konzil. Denkverbote wurden aufgehoben. Eine neue Diskussionskultur fand statt. Papst Johannes hat das Wort von „aggiornamento“ geprägt. Öffnet die Fenster, lasst frischen Wind durch die Kirche wehen. Es gab eine Liturgiereform. Die Sprache wurde die Sprache des Landes, in der die Messe stattfand, überhaupt der Gottesdienst abgehalten wurde. Der Altar wurde dem Volk zugewandt, der Priester mit dem Gesicht zum Volk. Denkverbote waren nicht mehr. Keine Unterdrückung der wissenschaftlichen Forderungen. Galileo wurde rehabilitiert, eine textkritische Bibelforschung zugelassen. Die Bibel wurde wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt, nicht nur Tradition und Dogmen.

Jesus im Mittelpunkt. Und die Rückbesinnung auf das Evangelium und die Person Jesus insofern bestehen natürlich Parallelen zu den Ideen und Idealen des Franz von Assisi. Eine Kirche der Armen, ein Kampf gegen die Unterdrückung der Menschen gegen die himmelschreiende soziale Not einerseits und Reichtum andererseits. Dies waren Dinge, die eine Rolle spielten.

Mario von Galli beschreibt das so: ich zitiere ihn: „Wo eine Reform der Strukturen eine offensichtliche Notwendigkeit darstellt, wo die Menschenwürde der Christen oder Nicht-Christen deutlich und schmählich verletzt wird, hat die Kirche als das Zeichen Christi auf der Welt sich auf die Seite der Unterdrückten und Gedemütigten stellen und jedem, der das nicht tut, die Gemeinschaft aufzukündigen.“ Beeindruckende Sätze!

Frauen spielten immer noch keine Rolle. Messdienerinnen immerhin dürften zugelassen werden – mit viel Diskussion. Frauen dürften die Kommunion austeilen.
Mario von Galli sagte: die Kirche müsse unterwegs sein. Sie wird sich immer wieder erneuern müssen.

Nach meinem Erachten ist die Kirche nach dem Konzil zwar unterwegs gewesen, aber sie ist auch manchmal stehen geblieben, hat längere Pausen gemacht. Die Menschen sind oft weiter gegangen. Ihre Themen waren andere als die der Kirche, und die Themen der Menschen sind nicht sehr oft in der Kirche aufgenommen worden. Manchmal ist man nicht nur stehen geblieben, man ist auch wieder rückwärtsgegangen. Latein wird wieder zugelassen als Sprache der Messe. Die ehemalige Form des Messfeierns, also mit dem Rücken zum Volk ebenso.

Kirchenrechtliche Fragen wie die wiederverheirateten Geschiedenen und ihre Zulassung zu den Sakramenten standen mehr im Vordergrund als die Besinnung auf die Grundideale der Bibel. Worauf kommt es an aus meiner Sicht – und ich sage gleich, dass ich in einigen Punkten wegen des neuen Papstes Hoffnung habe, die Ideale des Konzils werden wieder aufgegriffen.

Was war der Kern der Botschaft Jesu und warum hatte sie für die Menschen eine solche Faszination, dass sie außer sich waren, dass sie erstaunt waren? Weil sie so noch niemand hatten reden hören. Und es muss eine freudig elektrisierende Botschaft gewesen sein, eine frohe Botschaft. Ich glaube nicht, dass Jesus versucht hat, seinen Zuhörern dogmatische Lehrgebäude zu erläutern. Er wollte das Leben der Menschen verändern, ihnen ihre Sorgen mildern, den Mühseligen und Beladenen helfen, Nächstenliebe üben, die er so wichtig erachtete wie Gottesliebe.

Seine frohe Botschaft hatte nicht nur eine spirituelle, sondern eine soziale und gesellschaftspolitische Dimension. Es ist schade, dass die Technik damals noch nicht so weit war, mittels einer Kamera das Geschehen festzuhalten. Es würde mich brennend interessieren, wie Jesus damals aufgetreten ist und wie genau seine Worte waren. Dies alles werden wir wohl erst nach unserem Tod erfahren. Und ich hoffe, im Himmel gibt es Aufzeichnungen aus dieser Zeit. Wir müssen uns daher auf die Schriften der Bibel verlassen, auch wenn sie erst vierzig Jahre nach Jesu Tod verfasst worden sind.

Drei Punkte an der christlichen Botschaft erscheinen mir wichtig, weshalb sie eine so ungeheuer schnelle und breite Verbreitung fand:
1. Er predigte den barmherzigen Gott, den er Vater nannte.
2. Seine Botschaft handelt von der Würde des Menschen – jedes einzelnen Menschen. Das ist, was er mit dem Reich Gottes gemeint hat.
3. Er hat gezeigt, dass der Tod nicht das letzte Wort hat, dass es ein Ostern geben wird.

Zum ersten Punkt: Da will ich mich kurz fassen. Ich bin kein Theologe. Das ist nicht mein Metier. Ich will Ihnen nur meine Eindrücke kurz schildern, warum es damals so anziehend war für seine Zuhörer. Der barmherzige Vater, den Jesus gepredigt hat, ist ein gravierender Gegensatz zu dem, was damals an der Tagesordnung war. Es gab die Gerichtspredigten. Gott musste mit Opfern bei Laune gehalten werden. Wer dem Gericht entrinnen wollte, musste permanent Buße tun und sich allen möglichen sinnvollen oder weniger sinnvollen Vorschriften unterwerfen.

Ich verweise nochmal auf Heiner Geißler, der letzten Sonntag die Formel „Tuet Buße“ als einen Übersetzungsfehler gedeutet hat und ausgeführt hat, dass Jesus eigentlich mein „Denket um!“ Die Lehre, dass Gott nicht ein ständig strafender Richter ist, sondern ein liebevoller, barmherziger, verstehender, verzeihender Vater, an den man sich voll Vertrauen wenden kann, muss für die Menschen seinerzeit etwas Ungeheuerliches gewesen sein, etwas Befreiendes, etwas Hoffnung gebendes – für die einfachen Menschen.

Für die anderen, die Priester, die von den Opfergeldern ein gutes Einkommen und Besitzstände hatten, die sahen ihre Einnahmequellen gefährdet durch diese Worte. Kein Wunder, dass er dort wenig Freunde hatte. Aber das Volk glaubte ihm, vertraute ihm, für sie war es eine befreiende Botschaft.

Und auch auf den dritten Punkt will ich gleich eingehen, weil das auch ein eher für die Theologie auslegbarer Sachverhalt ist. Ich will nur dazu sagen: Ich glaube an die Auferstehen und ich vertraue auf sie. Und für viele, denen die Zeugen des Auferstandenen davon berichteten, muss dies eine neue Botschaft gewesen sein, die die Menschen faszinierte. Nicht in dem Sinn, dass sich erst nach dem Tod alles richten wird, sondern die Aufforderung, dass das Reich Gottes, das mit Jesus begonnen hat, sich hier in dieser Welt und besser heute als morgen verwirklicht wird. Das war etwas, das die Menschen aufgerüttelt hat.

Jetzt will ich ein bisschen näher auf den zweiten Punkt eingehen, zu dem ich als gesellschaftspolitisch Tätiger etwas sagen kann. Und ich will erklären, was ich daraus lerne und welche Aufgaben sich für uns daraus ergeben.
Die Würde des Menschen. Sie zu respektieren. Sie überhaupt erst herzustellen. Jedem einzelnen Menschen eine Würde zu geben, ihn als Persönlichkeit anzuerkennen. Das ist die Quintessenz dessen, was Jesus mit der Bitte „Dein Reich komme“ – in diesem Reich wird die Menschenwürde geachtet – was er damit gemeint hat.

Und deshalb in unserem Grundgesetz steht in Artikel 1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein nicht änderbarer Satz, den alle Gerichte und alle Staatsgewalt zu beachten hat. Und deshalb – denke ich – ist unser Grundgesetz eine christliche Verfassung. Ob darin von Gott die Rede ist oder nicht oder bei der Europäischen Verfassung gab es ja in den letzten Jahren viel Diskussion, ob der Begriff GOTT in der Verfassung vorkommen muss. Ich denke, wenn die Würde des Menschen in verschiedenen Artikeln sauber umschrieben und beachtet wird, dann hat das seine Wurzeln im Christentum. Und dann ist es eine christliche Verfassung, ungeachtet dessen, welche einzelnen Begriffe auftreten.

Und diese Menschenwürde, das Neue, was damals gekommen ist, das beschreibt Paulus in seinem Brief an die Galater so: „Ihr, die Ihr auf Christus getauft seid, es gibt jetzt nicht mehr Juden und Griechen, Sklave und Freie, nicht Mann noch Frau. Ihr seid alle Kinder Gottes und in sofern Erben Christi.“ Also Jesus hat jedem Menschen eine Würde zugesagt. Das war, was den Menschen vor Verwunderung und Staunen den Mund offen stehen ließ. Jeder hat eine Würde und einen Wert im Reich Gottes, das er bereits für diese Welt herbeigefleht hat und das mit ihm begonnen hat. Dies war in der damaligen Zeit sensationell.

Man muss wissen, dass im römischen Reich, und Palästina zählte zum römischen Reich, ein absolut hierarchisches Denken herrschte und in der Bevölkerung eine absolute Hierarchie war. Sklaven waren nach römischem Recht Sachen, über die man verfügen konnte wie über ein Stück Holz. Frauen zählten nicht. Die Gesellschaft war in Klassen unterteilt. Und die Armen, die größte Gruppe, war den Regularien der Mächtigen, ob Präfekt, Zöllner oder Priester hilflos ausgeliefert. Und wenn nun einer kommt, der dies in Frage stellt, jedem seinen Wert und seine Würde zubilligt und dies das Reich Gottes nennt, das er herbeiführen will, so ist seine Botschaft im wahrsten Sinne des Worte revolutionär.

Es werden Standesschranken eingerissen, Gerechtigkeit für jeden einzelnen eingefordert, Unterdrückung abgeschafft, Menschen als Menschen anerkannt. Und es fällt der Satz: „Das Gesetz ist für den Menschen da und nicht der Mensch für das Gesetz.“ Kein Wunder, dass die Menschen Jesus nachliefen, dass sie ihn für einen großen Propheten hielten, dass sie ihn zum König machen wollten, in dessen Reich das Leben wieder Sinn und Zukunft hat.

Und er beließ es nicht bei Worten, er setzte Zeichen. In der wunderbaren Bergpredigt nennt er zuerst die Armen, die damals Entrechteten. Ihnen soll das Reich Gottes gehören, das Reich, in dem die jetzigen Missstände beseitigt werden. Er heilte die Kranken. Krankheit wurde damals als Strafe für begangene Sünden angesehen. Kranke galten als von Gott für ihre Schuld Geschlagene. Man erinnere sich an Hiob. Jesus macht sich diese Sicht nicht zu Eigen. Er hilft ihnen, in dem er sie heilt und gleichzeitig die Sünden vergibt. Und so macht er sie wieder zu gleichwertigen Mitgliedern der Gesellschaft.

Und es gibt die wunderbare Geschichte vom Zöllner Zachäus. Natürlich war er ein Ausbeuter, und er war verhasst. Aber Jesus nimmt sich seiner an, lädt sich bei ihm ein, nimmt mit ihm das Mahl ein, ein damals ungeheuerlicher Vorgang und überzeugt Zachäus davon, zu teilen. Und er hatte was, zu teilen. Zu teilen mit den Armen und das zu Unrecht Geforderte zurückzuzahlen – mehrfach. Es stört Jesus nicht, dass sich andere aufregen. Er will seine Vision von gerechten, besseren Verhältnissen Wirklichkeit werden lassen. Ich könnte jetzt diese Beispiele noch fortsetzen. Er hat sich der Sünderin angenommen, die ihm die Füße gesalbt hat. Er hat sich der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte, angenommen. Er hat ein Beispiel gegeben, wie man Menschen integriert, nicht wie man sie ausgegrenzt.

Natürlich haben seine Verhaltensweisen Anstoß erregt. Die Menschen gerieten außer sich, die einen vor Wut, nämlich die Vertreter des herrschenden Systems, die anderen vor Begeisterung. Das Reich Gottes sollte die Menschen einbeziehen und versöhnen, nicht ausgrenzen, zusammenführen, statt zu verurteilen. Und bei Franz von Assisi heißt das: Lass mich Frieden bringen, wo man streitet, Versöhnung bringen, wo man sich hasst, usw.

Und in seinen wunderbaren Gleichnissen öffnet Jesus die Fenster zum Königreich Gottes und lässt uns einen Blick dahin werfen, welche Verhaltensweisen der Menschen dort erwünscht sind. In diesen Parabeln wird das Reich Gottes sichtbar, ja greifbar. Nehmen wir das Beispiel vom barmherzigen Samariter, das Lucas erzählt. Sie kennen es alle, ich brauche es nicht zu wiederholen: Wer ist mein Nächster und wie verhalte ich mich zu ihm? Helfen dem, der Hilfe braucht. Solidarisches Verhalten, das Not und Elend erkennt und Abhilfe schafft. Im staatlichen Bereich nennen wir das heute: Das Sozialstaatsprinzip. Auch dies zeigt wieder, dass unser Grundgesetz sehr christliche Wurzeln hat.

Nachdenklich

Oder nehmen wir auch das von Lucas überlieferte Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch das kennen Sie. Auch hier gewährt uns Jesus einen Blick, wie es im Reich Gottes, wie es in seinem Reich zugehen soll. Sein Reich möge kommen mit dem ganzen Überschwang eines liebenden Vaters, der keine Vorhaltungen macht, der verzeiht und hilft. Nehmen wir die Bergpredigt: Im Reich Gottes werden die Armen seliggepriesen, ihnen wird geholfen, die Trauernden getröstet, die Hungernden gesättigt. Armut, Hunger und Elend werden sich im Reich Gottes auflösen.

Dein Reich komme bedeutet also, dass Ausbeutung, Diskriminierung und Unterdrückung und Elend keinen Platz mehr haben werden, wo die Würde des Menschen geachtet und respektiert wird. Wir alle sind dazu aufgerufen, an dem „Dein Reich komme“ mitzuwirken. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind entsprechend zu gestalten. Wir müssen uns gesellschaftspolitisch engagieren. Dabei ist ziemlich gleichgültig, in welcher Partei. Sicher gibt es verschiedene Wege, zum Ziel zu gelangen. Aber das Ziel ist eindeutig. Wahrung und Achtung der Menschenwürde im Sinne Jesu.

Unser neuer Papst Franziskus hat die sozialen Missstände, vor allem in Lateinamerika immer im Auge gehabt. Er war da für die Mühseligen und Beladenen. Im ersten Pressegespräch gestern hat er gesagt: Menschenrechte würden nicht nur durch Terrorismus und Morde verletzt, sondern auch durch ungerechte wirtschaftliche Strukturen. Dies zeigt, dies ist die gesellschaftspolitische und sozialpolitische Dimension, die der Papst aufgreift. Und sie ist – für meine Begriffe – im besten Sinne des Geistes Jesu und auch des Heiligen Franz von Assisi. Vielleicht erleben wir einen neuen Ansatz der Theologie der Befreiung, die von zahlreichen Jesuiten nach dem Konzil vertreten und von der Kurie unterdrückt wurde. Der neue Papst gibt Hoffnung, dass sich die Kirche wieder auf den Weg macht und die Fenster neu öffnet im Sinne Jesu und im Sinne von Franz von Assisi.

Und zum Schluss, das muss ja sein bei Menschenwürde, und von der Menschenwürde nicht zu trennen ist die Gleichberechtigung der Frau. Sie ist Bestandteil der Menschenwürde. Zur Rolle der Frau in der Kirche. Menschenwürde wie gesagt beinhaltet selbstverständlich die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Und ich habe vorhin aus dem Brief an die Galater zitiert: Es gibt nicht mehr Sklaven und Freie, Juden und Griechen, Männer und Frauen. Es gibt nur noch Kinder Gottes, gleichberechtigte Kinder Gottes. Jesus wurde immer auch von Frauen, Jüngerinnen, begleitet. In der Stunde des Kreuzes waren sie bei ihm. Maria Magdalena wird in allen vier Evangelien als erste Zeugin der Auferstehung genannt. Diejenige, die ihn nach Ostern als erste traf und mit ihm sprach, soll nicht das gemeinsame heilige Mahl leiten dürfen? Dies ist für mich nicht nachvollziehbar.

Man kann das Beispiel noch ins Extrem steigern: Maria, die Mutter Jesu, war auch eine Frau. Sie könnte aber nach heutigem Kirchenrecht nicht zu priesterlichen Weihen zugelassen werden – unvorstellbar. Bedrückt hat mich auch gestern, dass ich in den aktuellen Nachrichten hören musste, dass der Vatikan zusammen mit muslimischen Ländern Bedenken gegen eine Resolution auf der Weltfrauenkonferenz in New York hatte, die zur Zeit tagt . Diese Kombination mit den Bedenken, finde ich nicht gut. Es hat jetzt in der Nacht doch noch eine Einigung gegeben, immerhin. Aber ich glaube, der Heilige Geist hat mit der Stellung der Frau noch viel Arbeit in der Kirche vor sich.

Der Weg zum Reich Gottes in noch weit. Aber die Kirche, insbesondere mit ihrem neuen Papst, ist wieder unterwegs. Wirken wir alle mit, wo auch immer wir stehen, auf diesem Weg eines Jesus von Nazareth und seiner Vision einer gerechten Gesellschaft weiter zu kommen, ganz im Sinne der jesuanischen Bitte: Dein Reich komme. Tun wir das Unsere dazu.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe, dass das Gebet von Pater Piotr erhört worden ist, ich möge nicht allzu viel sprechen.

Vielen Dank

Gespräch mit Lindemans

 

(PS: Es handelt sich um eine nicht autorisierte Textfassung der Fastenpredigt)

 

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